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Die Geburt des Œuvres aus dem Werkstattœuvre

Es gehört zu den Binsenweisheiten der Kunstgeschichtsschreibung, dass das namhafte Künstler-Individuum ein Phänomen der Neuzeit ist. Eine feste, allgemein bekannte und anerkannte Verbindung herzustellen zwischen einem Gegenstand wie zum Beispiel einer Marienstatue oder einer Heiligenfigur oder dem Figuren-Ensemble eines Altars einerseits und einer bestimmten, namentlich bekannten Person andererseits, ist eine Gepflogenheit, die, so heißt es, erst ein paar Jahrhunderte alt sei.
So findet man für eine Übergangs- und Einübungsphase, die wohl vom 14. bis ins 18. Jahrhundert hinein gedauert hat, bei geschnitzten Figuren häufig Angaben wie "aus dem Umkreis von" oder "aus der Werkstatt von" oder auch "Nachfolger von". Der Bildhauer, der dann namentlich genannt wird, ist also wahrscheinlich oder doch zumindest möglicherweise nicht identisch mit dem Holzschnitzer, der die Figur tatsächlich aus dem Holz geholt hat.
Ich muss mich gar nicht an die auch noch im 20. J…

Holzbildhauerei ist ein Handwerk, sagt der Holzbildhauer Johann Wittchow

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Mein Google-Holzbildhauer-Alert meldet mir einen Zeitungsbericht über den Holzbildhauer und Tischlermeister Johann Wittchow, geboren 1983 in Kiel. Er war drei Jahre lang (2010-2013) an der Holzbildhauerschule in Oberammergau und hat erst vor kurzem die Meisterprüfung im Tischlerhandwerk abgelegt. Danach ist er von Stuttgart nach Horst in Holstein umgezogen. Er versteht oder empfiehlt sich als Ideen-Verwirklicher im Auftrag anderer (als eine Art Medium, könnte man sagen) und ausdrücklich nicht als Künstler. Das lässt aufhorchen. Ist womöglich eine Trendwende in Sicht? Gibt es bei den Holzbildhauern einen neuen Stolz auf handwerkliche Kenntnisse und Fertigkeiten, nachdem sie jahrzehntelang darauf aus gewesen sind, in erster Linie als Künstler und, wenn überhaupt, erst danach als Handwerker zu gelten?

Dabei ist es doch eine Wohltat, ja geradezu ein Akt der Befreiung, bekennen zu können (anstatt zugeben zu müssen): Ich erhebe keinen Anspruch auf Originalität, Neuheit, Autorschaft, Künstl…

Gottvater über Wolke aus der Werkstatt von Thomas Schwanthaler

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Ließ ER sich bei den Holzschnitzern nur selten blicken oder von ihnen nur selten erblicken? In Holz geschnittene Porträts des Schöpfers, der den Menschen als eine Art Selbstporträt geschaffen hat, sieht man selten. Hier ist eines.

Von Ruez auf Thamasch auf Schwanthaler

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Wenn man in der Geschichte der Holzbildhauerei vom Hölzchen aufs (Bild-)Stöckchen kommt, so bleibt man doch immer und sogar metaphorisch dem Material und dem Genre treu. In den Kapiteln über Johann Ruez (von dem hier hier und hier bereits die Rede war) stellt der Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager (1925-2016) in seinem Buch über Bildhauerwerkstätten des 18. Jahrhunderts in Oberschwaben die Frage nach der "künstlerischen Herkunft des Tiroler Meisters". Zwar sei man bei ihrer Beantwortung auf Vermutungen angewiesen, doch könne man kaum daran zweifeln, dass der ursprünglich aus Tirol stammende Schnitzer im weiteren Umkreis des alpenländischen Hochbarocks künstlerisch erzogen worden sei: "Abgesehen davon, daß Ruez auf der Wanderschaft sicherlich in den verschiedensten Werkstätten als Gehilfe mitgearbeitet hat, wird man seinen eigentlich bestimmenden Lehrmeister im engeren Umkreis des in Tirol tätigen Stamser Stiftsbildhauers Andreas Thamasch suchen müssen."
Eine …

Zwei halbe Heilige von Johann Ruez

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Dem gestern hier gewürdigten Johann Ruez (1678/91-1760) werden u. a. zwei Heiligenfiguren zugeschrieben, die möglicherweise um 1750 entstanden sind. Der "Tiroler" (wie der Kunsthistoriker Klaus Schwager ihn wegen seiner Herkunft nannte) lebte da schon seit beinahe 40 Jahren im oberschwäbischen Wurzach (im Dreieck Biberach, Memmingen, Leutkirch). Von den ehemaligen Altarfiguren sind nur die im 19. Jahrhundert auf Sockel gesetzten oberen Hälften erhalten, der Rest fiel möglicherweise dem reformerischen Aktivismus des (nicht besonders populären) römisch-deutschen Kaisers Joseph II. zum Opfer. Der war zwar kein neuer Bilderstürmer, doch hatte der fortschrittliche Aufklärer und Verehrer Friedrichs II. etwas gegen nicht sozial tätige Orden, weshalb er sie aufhob und etliche Abteien (und deren Kirchen gleich mit) geschlossen wurden. Wie dem auch sei - im Resultat haben wir einen, man könnte fast meinen, bis heute folgenreichen Verlust an klerikaler Bodenhaftung. Die Originale könn…

Berthold Rumold wäre heute 89 geworden

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Heute (um die Mittagszeit) wäre, wenn er noch leben würde, mein Vater, der Holzbildhauer Berthold Rumold (geboren am 16.10.1929 in Ludwigshafen, das damals noch zu Bayern gehörte), 89 Jahre alt geworden. Nach Ende des Krieges (Ludwigshafen lag in Trümmern) schlug er sich jenseits des Rheins mit Gelegenheitsarbeiten durch, kam dann nach Karlsruhe, machte bei Karl Kinsler eine Holzbildhauerlehre, lebte danach für kurze Zeit in Aalen, ging dann für sechs oder sieben Jahre nach Oberammergau, verdiente Geld mit dem Fertigschnitzen von Kruzifixen und legte 1962 die Meisterprüfung im Holzbildhauerhandwerk ab. Die dann folgenden 30 Jahre seines Lebens führte er am Karlsruher Hauptfriedhof eine Holzbildhauerwerkstatt. Er starb überraschend am 22.2.1992.

Johann Ruez (1678-1760) in der Wallfahrtskirche Heiligkreuz bei Wurzach

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Der hier in einem Beitrag über Konrad Hegenauer schon einmal erwähnte Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager (1925-2016) hat 1955 zwei schmale aber gehaltvolle Bändchen über Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Voralpengebiet veröffentlicht (DNB). Die bei kunsthistorischen Publikationen häufig anzutreffende Textgrundlage war eine Dissertation: "Der ungekürzte Text in Maschinenschrift, dem auch die genauen Abschriften der Urkunden beigegeben sind, steht durch die Universitätsbibliothek Tübingen zur Verfügung", heißt es vorab. Der erste Band befasst sich mit den Holzbildhauern Johann Ruez, Johann Georg Reusch, Franz Anton Kälin und Jakob Willibald Ruez, vier Bildhauer, die nach Klaus Schwager zu denen gehören, die in der schwäbische Plastik die Lücke schließen zwischen einer Phase der Stagnation im ausgehenden 17. Jahrhundert und neuen "Gipfelleistungen der deutschen nachmittelalterlichen Bildhauerkunst", verbunden etwa mit den Namen Jo…

Blick in die Werkstatt von Karl Kinsler

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