Sonntag, 30. September 2018

Grenzwertig

Über Holzbildhauerei lässt sich, wie über Geschmack, streiten oder auch nicht. Wo genau verläuft zum Beispiel die Grenze zwischen ihr und dem Möbel-Design? Hätte ich das Ding an oder auf einem der noch immer nicht aus der Mode gekommenen Skulpturenwege stehen sehen, wäre ich darüber kaum erstaunt gewesen. Doch es stand bzw. steht ebenso beiläufig-unauffällig wie selbstverständlich am Rand eines Fuß- und Radwegs zwischen Karlsruhe und Durlach.


Samstag, 29. September 2018

Zeichnung und Holzbildhauerei

Wenn Holzbildhauer zeichnen, dann tun sie das nicht selten im Hinblick auf eine noch zu schaffende Holzskulptur. Neben den räumlichen Verhältnisse wird auch der Gesamtcharakter der Plastik im Charakter der Zeichnung antizipiert. Auf einer Website las ich (wohl aus diesem Grund), Zeichnung impliziere Transzendenz. Da ich in der rezenten Holzbildhauerei das malerische und illusionistische Moment für gewöhnlich vermisse, da ich mir sozusagen mehr geschnitzten Impressionismus wünsche (das Genre ist insgesamt sehr statisch und alternativlos bodenständig: "hier stehe ich, ich kann nicht anders"), wünsche ich mir auch die dazugehörigen auf das Resultat vorausdeutenden impressionistischen Bildhauerzeichnungen.

In der Karlsruher Kunsthalle wurde heute eine Ausstellung mit Zeichnungen aus dem eigenen Bestand eröffnet. Darunter diese Skizze des französischen Malers Édouard Vuillard (1868-1940):

Édouard Vuillard: Skizze 1928/29
Foto: Kunsthalle Karlsruhe

Freitag, 28. September 2018

Sculpit: Simeon Decker

Sculpo - ich schnitze. Aber nicht nur ich schnitze, sondern auch er, sie und vielleicht sogar es. Unter dem Stichwort sculpit ("er/sie/es schnitzt") werde ich in diesem Blog zeitgenössische Schnitzer und Schnitzerinnen vorstellen, die mir im richtigen Leben oder im Internet oder sonstwo begegnet sind. Ob es einem gefällt oder nicht, unser Dasein ist keine wirklich geordnete Angelegenheit. Man lebt nicht in alphabetischer Reihenfolge, sondern, neben anderen Prinzipien, immer auch nach dem Prinzip Zufall. So unsystematisch wie sie mir begegnet sind, werde ich meine skulptierenden Zufallsbekanntschaften hier vorstellen.

Den Anfang mache ich mit Simeon Decker, einem derzeit in Berlin lebenden Holzbildhauer mit sächsischen Wurzeln. Wie man seiner erfrischend unbekümmert drauflos gestalteten Homepage (futuristische Schrift vor rustikalem Hintergrund) entnehmen kann, wurde er 1986 in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge geboren. Seine Lehr- und Wanderjahre führten ihn in die Rhön, nach Südtirol und ins Oberbergische Land bei Köln.

Ginge es nur um seine Schnitzkunst, wäre er einer von vielen, die mit handwerklichem Geschick in Anlehnung an tradierte Klischees barocke Schnörkel und materialspezifisch wirkende Figuren hervorbringen, wobei eine von Deckers Spezialitäten das nur wenige Zentimeter hohe Figürchen zu sein scheint.

Ohne dem Bildhauer Simeon D. zu nahe zu treten, wird man sagen dürfen: Das Besondere an S. Decker ist der von ihm gecastete und (laut Spielplan) Woche für Woche selbst verkörperte Youtube-Star Mr. Schnitz, als welcher Decker in Dutzenden von Videofilmen auf sympathische Art in die Welt des Schnitzens und des figürlichen Gestaltens einführt. Zu seinem Youtube-Kanal gelangt man hier.

Als Beispiel für einen der Demonstrations- und Lehrfilme von und mit Simeon Decker alias Mr. Schnitz präsentiere ich aus jahreszeitlichen Gründen die Folge mit den Kürbissen, die Gesicht zeigen:

Mittwoch, 26. September 2018

Badisches Landesmuseum 1

Das nächste Mal bringe ich einen Zollstock und eine Standleiter mit, nahm ich mir vor, als ich gestern das Karlsruher Schloss, in dem die Mittelalter-Abteilungen des Badischen Landesmuseums untergebracht sind, wieder verließ. Es war ein strahlend schöner Tag und strahlend schön waren auch viele der vielen geschnitzten Madonnen mit ihren properen Jesuskindlein gewesen, auf die ich mein Augenmerk fürs erste gerichtet hatte.

Eine Statue von Tilman Riemenschneider hatte ich erwartet und einen in Holz gehauenen Tod (beide waren mir auf der Museums-Website angekündigt worden), vielleicht auch noch den ein oder anderen Barock- oder Rokoko-Engel. Und nun diese Fülle, diese Schönheit und Pracht! Mir war sofort klar, dass dies nur ein erster Besuch sein konnte, einer von vielen, die noch folgen würden. Um diese Besuchsserie von Anfang an in halbwegs systematische Bahnen zu lenken, beschloss ich, mich auf die Marien mit Kind zu konzentrieren und alles andere links und rechts liegen bzw. stehen oder hängen zu lassen. Damit würde ich für die nächste Stunde genug zu tun haben - meine Kondition in Sachen Kunst-Rezeption ließ immer schon zu wünschen übrig. Eigentlich ist mir ein Exponat pro Museumsbesuch schon beinahe zu viel.

Bei einer Maria, Anna (meistens selbdritt) oder Barbara würde ich mich beim ersten Rendezvous am liebsten ausschließlich der Betrachtung ihrer Füße widmen, um mich dann im Lauf der nachfolgenden Treffen ganz allmählich durch die Schluchten der komplizierten Gewandfalten hindurch nach oben zu arbeiten. Ganz zuletzt würde ich ihr dann ins Antlitz schauen und hoffen, dass sie nicht genauso cool durch mich hindurchsieht wie die Madonnen und Gottestöchter, denen ich gelegentlich auf der Straße begegne.

Badisches Landesmuseum im Karlsruher Schloss


Ulm, 1420-1425

eventuell Prag, Parler-Kreis, 1380-1390

vermutlich Ulm, Ende 15. Jahrhundert, Linde

Österreich (Schnitzer evtl. aus Ulm), 1490-1500, Linde



vielleicht Colmarer Werkstatt, 1490

Brixen, Ende 15. Jahrhundert, Zirbelkiefer

Einen Zollstock dabei zu haben, wäre im übrigen deshalb nicht schlecht gewesen, weil die für die Präsentation Verantwortlichen bei den Exponaten auf  Maßangaben verzichtet haben, wahrscheinlich, weil man ja sieht, wie groß die Skulpturen sind. Auf den Fotos, die ich erlaubterweise ("nur nicht mit Blitz") gemacht und hier veröffentlicht habe, sieht man es aber nicht mehr oder kaum noch. Und eine Leiter bräuchte man deshalb, weil man die Riemenschneider-Madonna eigentlich nicht nur aus der Kleinkindperspektive von schräg unten sehen möchte:

Tilman Riemenschneider zugeschrieben, Würzburg, 1510-1520, Linde

Dienstag, 25. September 2018

Die Wiederentdeckung der Holzbildhauerei

Wer als Holzbildhauer trotz abgelegter Meisterprüfung im Holzbildhauerhandwerk lieber Künstler sein beziehungsweise heißen will, begeht zweifellos und ohne triftigen Grund Verrat an seinem Metier. In Topologie der Kunst (2003) schreibt Boris Groys, man werde Künstler, indem man über ein beliebiges Artefakt sage, es sei Kunst und damit basta. Indem man auf diese Weise selektiert, ist man im Nu zum Künstler geworden und hat zugleich Kunst geschaffen. Um Holzbildhauermeister zu werden, muss man dagegen etwas mehr Zeit aufwenden. Die Lehre dauert zwei bis drei Jahre und wer sich zur Meisterprüfung anmeldet, muss noch einmal drei Jahre Berufspraxis nachweisen. Im Nu geht da gar nichts.

Als ich vor ein paar Jahren vom Künstler-sein-Wollen genug hatte, erinnerte ich mich daran, dass ich mich seit dem Ablegen der Holzbildhauer-Meisterprüfung (1994) "Holzbildhauermeister" nennen durfte und ich fing an, mich an das Führen des Meistertitels erneut zu gewöhnen. Damit begann das, was ich meine Wiederentdeckung der Holzbildhauerei nenne. Die Einrichtung einer Website über Holzbildhauerei (sie ist seit dem 25.9.2018 online), in deren Zentrum dieser "Holz-Blog" steht, ist ein weiterer Schritt auf diesem Weg zurück in die Zukunft.

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