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Es werden Posts vom Oktober, 2018 angezeigt.

Die Geburt des Œuvres aus dem Werkstattœuvre

Es gehört zu den Binsenweisheiten der Kunstgeschichtsschreibung, dass das namhafte Künstler-Individuum ein Phänomen der Neuzeit ist. Eine feste, allgemein bekannte und anerkannte Verbindung herzustellen zwischen einem Gegenstand wie zum Beispiel einer Marienstatue oder einer Heiligenfigur oder dem Figuren-Ensemble eines Altars einerseits und einer bestimmten, namentlich bekannten Person andererseits, ist eine Gepflogenheit, die, so heißt es, erst ein paar Jahrhunderte alt sei.
So findet man für eine Übergangs- und Einübungsphase, die wohl vom 14. bis ins 18. Jahrhundert hinein gedauert hat, bei geschnitzten Figuren häufig Angaben wie "aus dem Umkreis von" oder "aus der Werkstatt von" oder auch "Nachfolger von". Der Bildhauer, der dann namentlich genannt wird, ist also wahrscheinlich oder doch zumindest möglicherweise nicht identisch mit dem Holzschnitzer, der die Figur tatsächlich aus dem Holz geholt hat.
Ich muss mich gar nicht an die auch noch im 20. J…

Holzbildhauerei ist ein Handwerk, sagt der Holzbildhauer Johann Wittchow

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Mein Google-Holzbildhauer-Alert meldet mir einen Zeitungsbericht über den Holzbildhauer und Tischlermeister Johann Wittchow, geboren 1983 in Kiel. Er war drei Jahre lang (2010-2013) an der Holzbildhauerschule in Oberammergau und hat erst vor kurzem die Meisterprüfung im Tischlerhandwerk abgelegt. Danach ist er von Stuttgart nach Horst in Holstein umgezogen. Er versteht oder empfiehlt sich als Ideen-Verwirklicher im Auftrag anderer (als eine Art Medium, könnte man sagen) und ausdrücklich nicht als Künstler. Das lässt aufhorchen. Ist womöglich eine Trendwende in Sicht? Gibt es bei den Holzbildhauern einen neuen Stolz auf handwerkliche Kenntnisse und Fertigkeiten, nachdem sie jahrzehntelang darauf aus gewesen sind, in erster Linie als Künstler und, wenn überhaupt, erst danach als Handwerker zu gelten?

Dabei ist es doch eine Wohltat, ja geradezu ein Akt der Befreiung, bekennen zu können (anstatt zugeben zu müssen): Ich erhebe keinen Anspruch auf Originalität, Neuheit, Autorschaft, Künstl…

Gottvater über Wolke aus der Werkstatt von Thomas Schwanthaler

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Ließ ER sich bei den Holzschnitzern nur selten blicken oder von ihnen nur selten erblicken? In Holz geschnittene Porträts des Schöpfers, der den Menschen als eine Art Selbstporträt geschaffen hat, sieht man selten. Hier ist eines.

Von Ruez auf Thamasch auf Schwanthaler

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Wenn man in der Geschichte der Holzbildhauerei vom Hölzchen aufs (Bild-)Stöckchen kommt, so bleibt man doch immer und sogar metaphorisch dem Material und dem Genre treu. In den Kapiteln über Johann Ruez (von dem hier hier und hier bereits die Rede war) stellt der Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager (1925-2016) in seinem Buch über Bildhauerwerkstätten des 18. Jahrhunderts in Oberschwaben die Frage nach der "künstlerischen Herkunft des Tiroler Meisters". Zwar sei man bei ihrer Beantwortung auf Vermutungen angewiesen, doch könne man kaum daran zweifeln, dass der ursprünglich aus Tirol stammende Schnitzer im weiteren Umkreis des alpenländischen Hochbarocks künstlerisch erzogen worden sei: "Abgesehen davon, daß Ruez auf der Wanderschaft sicherlich in den verschiedensten Werkstätten als Gehilfe mitgearbeitet hat, wird man seinen eigentlich bestimmenden Lehrmeister im engeren Umkreis des in Tirol tätigen Stamser Stiftsbildhauers Andreas Thamasch suchen müssen."
Eine …

Zwei halbe Heilige von Johann Ruez

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Dem gestern hier gewürdigten Johann Ruez (1678/91-1760) werden u. a. zwei Heiligenfiguren zugeschrieben, die möglicherweise um 1750 entstanden sind. Der "Tiroler" (wie der Kunsthistoriker Klaus Schwager ihn wegen seiner Herkunft nannte) lebte da schon seit beinahe 40 Jahren im oberschwäbischen Wurzach (im Dreieck Biberach, Memmingen, Leutkirch). Von den ehemaligen Altarfiguren sind nur die im 19. Jahrhundert auf Sockel gesetzten oberen Hälften erhalten, der Rest fiel möglicherweise dem reformerischen Aktivismus des (nicht besonders populären) römisch-deutschen Kaisers Joseph II. zum Opfer. Der war zwar kein neuer Bilderstürmer, doch hatte der fortschrittliche Aufklärer und Verehrer Friedrichs II. etwas gegen nicht sozial tätige Orden, weshalb er sie aufhob und etliche Abteien (und deren Kirchen gleich mit) geschlossen wurden. Wie dem auch sei - im Resultat haben wir einen, man könnte fast meinen, bis heute folgenreichen Verlust an klerikaler Bodenhaftung. Die Originale könn…

Berthold Rumold wäre heute 89 geworden

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Heute (um die Mittagszeit) wäre, wenn er noch leben würde, mein Vater, der Holzbildhauer Berthold Rumold (geboren am 16.10.1929 in Ludwigshafen, das damals noch zu Bayern gehörte), 89 Jahre alt geworden. Nach Ende des Krieges (Ludwigshafen lag in Trümmern) schlug er sich jenseits des Rheins mit Gelegenheitsarbeiten durch, kam dann nach Karlsruhe, machte bei Karl Kinsler eine Holzbildhauerlehre, lebte danach für kurze Zeit in Aalen, ging dann für sechs oder sieben Jahre nach Oberammergau, verdiente Geld mit dem Fertigschnitzen von Kruzifixen und legte 1962 die Meisterprüfung im Holzbildhauerhandwerk ab. Die dann folgenden 30 Jahre seines Lebens führte er am Karlsruher Hauptfriedhof eine Holzbildhauerwerkstatt. Er starb überraschend am 22.2.1992.

Johann Ruez (1678-1760) in der Wallfahrtskirche Heiligkreuz bei Wurzach

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Der hier in einem Beitrag über Konrad Hegenauer schon einmal erwähnte Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager (1925-2016) hat 1955 zwei schmale aber gehaltvolle Bändchen über Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Voralpengebiet veröffentlicht (DNB). Die bei kunsthistorischen Publikationen häufig anzutreffende Textgrundlage war eine Dissertation: "Der ungekürzte Text in Maschinenschrift, dem auch die genauen Abschriften der Urkunden beigegeben sind, steht durch die Universitätsbibliothek Tübingen zur Verfügung", heißt es vorab. Der erste Band befasst sich mit den Holzbildhauern Johann Ruez, Johann Georg Reusch, Franz Anton Kälin und Jakob Willibald Ruez, vier Bildhauer, die nach Klaus Schwager zu denen gehören, die in der schwäbische Plastik die Lücke schließen zwischen einer Phase der Stagnation im ausgehenden 17. Jahrhundert und neuen "Gipfelleistungen der deutschen nachmittelalterlichen Bildhauerkunst", verbunden etwa mit den Namen Jo…

Blick in die Werkstatt von Karl Kinsler

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Werkstatt Karl Kinsler in Karlsruhe

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Diese Mutter-mit-Kind-Figur - sie sakral als Madonna mit Jesuskind zu deuten liegt insbesondere wegen der typischen Nacktheit des Knaben nahe - war bis vor kurzem Bestandteil eines Holzgrabmals auf dem Karlsruher Hauptfriedhof. Die seit 1966 bestehende Grabstätte wurde aufgelöst, doch die nur im Fußbereich leicht beschädigte Statue soll der Nachwelt erhalten bleiben. Die dunkel gebeizte und stellenweise verwitterte Oberfläche des Platanen-Holzes bot keinen schönen Anblick, weshalb ich die Skulptur im Auftrag der Besitzerin komplett überschnitzt und den Schreiner meines Vertrauens mit der Anfertigung einer neuen Plinthe aus (nachdunkelndem) Ahorn-Holz beauftragt habe. Aufgrund einer fotografischen Aufnahme von Horst Schlesiger, die sich im Karlsruher Stadtarchiv befindet, kann die Arbeit eindeutig als Werk des Holzbildhauers Karl Kinsler, dessen Werkstatt sich bis gegen Ende der 1960er Jahre in der Karlsruher Innenstadt (Karlstraße 7) befand, identifiziert werden. Es handelt sich wohl…

Museum digital

Vielleicht wird es eines Tages die Möglichkeit geben, (wenigstens) zu allen in Museen und Sammlungen befindlichen Holzskulpturen der Welt über eine einzige Website virtuellen Zugang zu erhalten. Auf dem Weg dorthin hat Dr. Stefan Rohde-Enslin (Institut für Museumsforschung Berlin) einen vielversprechenden Anfang gemacht. Im Dezember 2017 meldete er in seinem Blog zum Projekt, dass nach "einem langsamen Start in 2009" jetzt mehr als 100.000 Objekte bei museum-digital zu finden seien. Die bisher erfassten Museen sind nach Bundesländern zu Gruppen zusammengefasst, die auf jeweils einer Website (Nordrhein-Westfalen hat derer zwei) präsentiert werden. Natürlich findet man die Kontaktdaten der Museen (mit Link zur Homepage) und Beschreibungen der Objekte. Eine Schlagwortwolke bauscht sich jeweils unter "Objekte" (Hauptmenü), "Gezielte Suche" (Untermenü), aber diese Liste ist nicht vollständig! Man sollte also unter "Schlagworte" bei den Suchoptionen …

Badisches Landesmuseum 2

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Mein erster Gang zu den spätmittelalterlichen Holzskulpturen des Badischen Landesmuseums im Karlsruher Schloss liegt nun schon zwei Wochen zurück. Zu den schönen Frauen, die in meinem Beitrag vom 26. September nicht zum Zuge kamen, weil sie weder Maria hießen noch ein Jesuskind dabei hatten, gehört diese Heiligenstatue. An wen erinnerte sie mich? Ein paar Tage später kam ich drauf, man hat ihre Gesicht eine Zeitlang regelmäßig im Fernsehen gesehen.



Gehör gefunden

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Ein Schnitzer in Oberschwaben: Konrad Hegenauer (1734-1807)

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"Konrad Hegenauer wurde 1734 in Pfullendorf als jüngster Sohn des Bildhauers Felizian Hegenauer geboren. Bereits 1749 arbeitete 'der kleine Bruder Conrad' bei der Ausstattung des Rittersaales von Schloß Wolfegg als Gehilfe in der Familienwerkstatt mit. 1756 heiratete er in Friesenhofen (bei Leutkirch) die Witwe des Bildhauers Thomas Hofer und übernahm dessen Werkstatt. Seine Auftraggeber waren - neben zahlreichen Pfarrkirchen in der nahen und weiteren Umgebung - vor allem die Fürsten von Waldburg-Wolfegg und Waldburg-Zeil und die Fürstabtei Kempten."
(Text und Bild aus: Kunst aus/für/in Oberschwaben. Kunstankäufe der Jahre 1990-1998 durch die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke OEW. Im Auftrag der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke herausgegeben von Volker Himmelreich und Ulrike Gauss zur Ausstellung im Schloß Achberg 22. August - 18. Oktober 1998)
In seinem Aufsatz (siehe unten) zum zweihundertsten Todesjahr des Künstlers 2007 nennt Manfred Thierer ihn einen &quo…

Er war auch noch Spekulant und Holzschnitzer

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Welcher französische Maler war 1887 als einfacher Arbeiter am Bau des Panamakanals beteiligt? Derselbe Maler hatte noch Anfang der 1870er Jahre als Börsenmakler und Spekulant in Frankreich viel Geld verdient. Doch dann beschloss er Maler zu werden, verließ seine Frau und die fünf Kinder, führte ein unstetes Leben, wohnte zwei Monate lang mit einem Malerkollegen zusammen, der sich irgendwann ein Ohr abschnitt und (ver)endete schließlich in den französischen Kolonien auf der Insel Hiva Oa, nicht ohne zuvor trotz seiner Syphiliserkrankung mit einer Vierzehnjährigen noch ein (gesamtbiographisch gesehen) achtes oder neuntes Kind gezeugt und sich mit der katholischen Kirche angelegt zu haben, der er Heuchelei vorwarf.
Paul Gauguin (1848-1903) hat aber nicht nur spekuliert, geschaufelt und gemalt, sondern auch geschnitzt. Zwei seiner vielleicht weniger bekannten Werke waren vor Jahren in der Karlsruhe Kunsthalle zu sehen, leider habe ich mir diese - nach dem von mir vorgestern antiquarisch …

Die Mehrzahl von Baum ist Wald - Peter Wohlleben über Bäume

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Was wäre der Holzbildhauer ohne Holz, sprich: ohne den noch nicht ausgestorbenen Dinosaurier unter den Pflanzen, den man Baum nennt? Die Mehrzahl von Baum ist Wald. Im nördlichen Rheinland-Pfalz dicht an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen liegt das Eifel-Dörfchen Hümmel, eine Gemeinde, die laut Wikipedia 743 Hektar (7,43 km²) davon und einen dazugehörigen Förster namens Peter Wohlleben ihr eigen nennt. Wenn er gefeiert wird, singt man mutmaßlich im Chor: "Wohl soll er leben, wohl soll er leben, dreimal ...". Und Grund zum Feiern gibt es wohl des öfteren, denn Wohllebens vor drei Jahren erschienenes Buch über Das geheime Leben der Bäume ist jetzt schon in ich weiß nicht wie vielter Auflage erschienen. Darüber hinaus ist der Waid- und Forstmann offenbar ein geschäftstüchtiger Selbst-Vermarkter, der neben Büchern auch Events und Seminare bis hin zur sechsmonatigen Ausbildung zum Waldführer anbietet. Chapeau!
Dass der Baum, wie der Mensch auch, ein Zoon politikon, ein animal soc…

Noch einmal Hans Wydyz

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Zu den wenigen mit einem H und einem W signierten Werken des Hans Wydyz gehört die nach 1505 entstandene sogenannte Basler Adam- und Eva-Gruppe. Als einer, der Anfang der 1970er Jahre die damals populären Songs von Reinhard Mey auswendig kannte, weiß ich noch: (erst) "mehr als zwei sind eine Gruppe" (aus: "Bevor ich mit den Wölfen heule"). Warum also "Gruppe" dachte ich, bis ich darauf kam, dass die Schlange natürlich mitgezählt werden muss - und mein sprachlich geprägtes Weltbild war wieder in Ordnung. Mit auf die Sprünge half mir diese feine Beschreibung dessen, was man sieht, wenn man Wydyz' Pärchen bzw. sein trio infernal sieht:

"Adam wendet sich in vorgebeugter Torsion Eva zu, seine Linke anklagend gegen diese erhoben und in der Neigung seines Kopfes den Blickkontakt zu ihr suchend. Sich leicht zurücklehnend steht Eva versonnen mit gesenkten Augenlidern da. Den rechten Arm zur Schlange im Baum ausstreckend, von der sie einen weiteren Apfel …

Hans Wydyz und ein Nachfolger

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Man besucht ein Museum, sieht sich zwei Dutzend Holzstatuen etwas genauer an, fotografiert die Hälfte von ihnen, macht ein paar Notizen und ist anschließend tagelang damit beschäftigt, sich anhand von Büchern und Internet-Texten einen Begriff und eine Vorstellung davon zu machen, was man da eigentlich gesehen hat oder hätte sehen können, wenn man darauf vorbereitet gewesen wäre. Natürlich rede ich von meinem hier bereits erwähnten Besuch im Karlsruher Schloss, mit dessen Nachbereitung ich nach wie vor beschäftigt bin.

Mit am meisten beeindruckt hat mich diese sogenannte Sitzmadonna, die dem Umfeld des zeitweise (ca. 1497-1517) in Freiburg i. Br. ansässigen Bildschnitzers Hans Wydyz zugeordnet wird. Warum dem Umfeld und nicht Wydyz selbst? Sibylle Groß, die sich in ihrer 1997 als Buch erschienenen Dissertation ausführlich mit dem Werk Wydyz' beschäftigt hat, schreibt dazu nur, dass die Skulptur "einen gewissen Abstand zum Formengut des Hans Wydyz" verrate, etwa "die…