Mittwoch, 31. Oktober 2018

Sieben auf einen Streich: Holzbildhauer in der Handwerkskammer Karlsruhe

Nein, auf das "und Holzbildhauerinnen" (für politisch Grüne und ihre Nachahmer auch "*innen") habe ich im Titel nicht sträflicher, sondern adäquater Weise verzichtet. Denn es sind tatsächlich sieben Herren, die noch bis zum 16. November 2018 im Gebäude der Handwerkskammer Karlsruhe (am Friedrichsplatz) ihre Holzbildhauerkunst, wie es in der Ankündigung heißt, vorstellen. Geöffnet ist von Montag bis Donnerstag von 7:30 Uhr (welche andere Ausstellung öffnet bereits um 7:30 Uhr!) bis 17:30 Uhr und am Freitag von 7:30 Uhr bis 16:00 Uhr.

Dafür, dass die Männer nicht unter sich bleiben, haben sie selber gesorgt, indem sie bei ihren Holzfiguren weibliches Personal berücksichtigt haben. Rudi Bannwarth präsentiert eine "Putzfrau", eine "Frau beim Einkaufen" und ein "Engelmädchen", Wolfgang Kleiser (für mich der herausragende Altmeister) eine "Mutter mit Kind".

Hier eine Auswahl von Beispielen in der alphabetischen Reihenfolge der Nachnamen der vertretenen Holzbildhauer, die allesamt Mitglieder der Landesinnung der Holzbildhauer Baden-Württemberg (mit Sitz in Freiburg) sind.


Rudi Bannwarth: Um Brot wird nicht gezockt, 2013, Linde (lasiert) 

Rudi Bannwarth: Maler, Frau beim Einkaufen, Putzfrau, Handyman, alle 2015, alle Linde (lasiert) 


Wolfgang Ducksch: Engelschar, o. J., Eiche und Linde

Wolfgang Kleiser (geb. 1936): Mutter mit Kind, 2009, Linde, Höhe der Stele 106 cm (Ausschnitt)

Wolfgang Kleiser (geb. 1936): Sag ja und du bist ein Engel, 2014, Eiche, Höhe der Stele 90 cm (Ausschnitt)

Eberhard Rieber: Verwurzelt - Beflügelt, 2012, Nussbaum (gewachst), H 62 cm (Ausschnitt)

Martin Schonhardt: Engel, o. J., 50 x 30 x 16 cm

Michael Steigerwald: Das ICH und sein ENGEL, 2010, Fichte, H 200 cm (Ausschnitt)

Sascha Vogelmann: Taschenengel, o. J., Linde, H ca. 7 cm (geschätzt)

Sonntag, 28. Oktober 2018

Franz Anton und Conrad Kälin oder: Anachronismus hin, Authentizität her

Als der ursprünglich aus Einsiedeln in der Schweiz stammende Holzbildhauer Franz Anton Kälin (geboren etwa 1710 oder früher) am 19. Februar 1754 überraschend starb, hatte er den großen Choraltar in der Klosterkirche in Wettingen (Schweiz) gerade erst fertig gestellt. Kälin hat um 1730 herum wohl eine Zeitlang in der Werkstatt von Johann Ruez im oberschwäbischen Wurzach gearbeitet und ist danach selbständig in Wurzach tätig gewesen. Seine Wurzacher Zeit endete, als er 1751 den Auftrag erhielt, im 200 Kilometer entfernten Wettinger Zisterzienserkloster diesen neuen, "modernen" Altar zu errichten:


Franz Anton Kälin: Hochalter in der Klosterkirche von Wettingen im Aargau, 1751-54
Foto aus: Klaus Schwager Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts, Teil I (1955)

Es gibt die Vermutung, dass Franz Anton Kälin den Wettinger Altar unter Mitwirkung seines (wie es heißt: "mutmaßlichen") Sohns Conrad Kälin geschaffen hat, und dass der mutmaßliche oder tatsächliche Sohn Teile der Kirchenausstattung nach dem Tod des Vaters alleine vollendet hat.

Als mein Vater Berthold Rumold, gleichfalls an einem Tag Ende Februar, allerdings 238 Jahre nach Kälin, völlig unerwartet starb, hatte ich erst ein halbes Jahr zuvor die Gesellenprüfung abgelegt. Wegen meiner Unerfahrenheit kam es für mich nicht infrage, das Angebot, das mir Pfarrer Kirn von Sankt Martin in Rintheim machte, anzunehmen. Pfarrer Kirn hatte mir nämlich vorgeschlagen, den von meinem Vater bereits als Modell in Originalgröße entworfenen und von der Kirchengemeinde gutgeheißenen Kreuzweg anstelle meines Vaters in Holz auszuführen.

Pfarrer Kirn wies damals darauf hin, dass es in früheren Zeiten ja durchaus vorgekommen sei, dass ein Sohn das begonnene Werk seines Vaters in dessen Sinn vollendet habe. Das war mir zwar nicht unbekannt, aber dennoch oder gerade deshalb kam mir sein vertrauensvolles Ansinnen weniger folgerichtig, als vielmehr anachronistisch vor. Es mag "tatsächlich" anachronistisch gewesen sein, doch war es deshalb, aus meiner heutigen Sicht, keineswegs inakzeptabel, im Gegenteil. Ob ich zur Übernahme der Arbeit vor mehr als 26 Jahren willens gewesen wäre, wenn ich mich zu ihrer Ausführung holzbildhauerisch in der Lage gesehen hätte? Vermutlich ja. Denn, Anachronismus hin, künstlerische Authentizität her, welcher Schnitzer, der noch bei Trost ist, lässt sich so einen Auftrag durch die Lappen gehen?


Berthold Rumold: Kreuzweg für St. Martin in Karlsruhe-Rintheim, 1991/92, Tonmodell

Freitag, 26. Oktober 2018

Aus dem eigenen Garten


Lothar Rumold: OHREN 5 oder ROBBEN 1, 24./25.10.2018
Eichen- und Lindenholz (Wachs und Ölfarbe), 30,5 x 10,5 x 9 cm

OHREN 5 oder ROBBEN 1 (Ausschnitt)

Lothar Rumold: OHREN 6, 26.10.2018, Eiche (gewachst), 9,5 x 9,5 x 6,5 Cm (Rückseite Borke)

Dienstag, 23. Oktober 2018

Die starken Arme der Maria Magdalena des Johann Georg Reusch

Anders als bei den üblichen, auf die Person bezogenen Œuvres einzelner Holzbildhauer wird es im Fall der im letzten Beitrag thematisierten Werkstatt-Œuvres regelmäßig zu Überschneidungen, also zu Schnittmengen kommen, bei denen ein und dasselbe Einzelwerk mindestens zwei verschiedenen Werkstatt-Œuvres zugeordnet werden kann.

Beim oberschwäbischen "Bildhauer von Waldsee" Johann Georg Reusch (er wurde gegen Ende des 17. Jahrhunderts geboren und starb Mitte des 18. Jahrhunderts, Genaueres ist nicht bekannt) wird man die frühen Arbeiten der Wurzacher Werkstatt von Johann Ruez, Reuschs späteres Schnitz-Werk jedoch seiner eigenen Werkstatt und deren Werkstatt-Œuvre zuordnen wollen. In Teil I seines hier immer wieder erwähnten Buches Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Voralpengebiet (1955) schreibt Klaus Schwager, Reusch habe "einen wesentlichen Teil seiner Ausbildung [...] sicherlich in der Werkstatt des Johann Ruez genossen", sei aber bei seiner ersten urkundlichen Erwähnung 1712 bereits selbständig gewesen.

Zweifellos dem Œuvre Reuschs und damit auch seinem Werkstatt-Œuvre zuzuordnen ist eine auch im Knien noch 95 cm hohe Maria Magdalena, die zum Personal des Kreuzaltars in der Stiftskirche St. Peter in Waldsee gehört, und um die es mir in diesem Beitrag hauptsächlich zu tun ist. Fragen der wissenschaftlichen Terminologie sind (wenigstens für mich) nicht uninteressant. Aber was sollte das ganz Forschen und Theoretisieren, wenn mich die zu erforschenden Werke unbeeindruckt ließen. Klaus Schwager, der diese Maria Magdalena mit den auffallend starken Armen offenbar nicht ganz so beachtlich findet wie ich, schreibt:

"Die typischen Kennzeichen des Reuschstiles: gedrungene Proportion, auffallend stark im Block befangene Gestalt und das Ungefüge der einzelnen Gewandmotive haben [...] einen Prozeß der Erweichung über sich ergehen lassen, so daß das, was einst blockig-holzig wirkte, jetzt teigig, manchmal sogar fast geschmeidig anmutet. Geblieben ist das schwunglos-erdhafte Verharren der Körper, Gewachsen scheint dagegen die Intensität des aller Typik und aller Idealität des Barock mehr und mehr entsagenden Ausdrucks, aufgipfelnd in der stumm in Schmerz und Trauer unter dem Kreuz zusammengebrochenen Magdalena."

Wohl wahr: diese Magdalena hat nichts schwungvoll Schwereloses, doch ist der Eindruck von schwerelosem Aufschwung kein ästhetischer Wert an sich. Auch meine ich, dass Schwager irrt, wenn er glaubt, die in die Knie Gegangene sei zusammengebrochen.

Johann Georg Reusch: Maria Magdalena, 1754, Kreuzaltar, St. Peter, Waldsee, H. 95 cm
Foto aus Klaus Schwagers Bildhauerwerkstätten (1955)

Sonntag, 21. Oktober 2018

Die Geburt des Œuvres aus dem Werkstattœuvre

Es gehört zu den Binsenweisheiten der Kunstgeschichtsschreibung, dass das namhafte Künstler-Individuum ein Phänomen der Neuzeit ist. Eine feste, allgemein bekannte und anerkannte Verbindung herzustellen zwischen einem Gegenstand wie zum Beispiel einer Marienstatue oder einer Heiligenfigur oder dem Figuren-Ensemble eines Altars einerseits und einer bestimmten, namentlich bekannten Person andererseits, ist eine Gepflogenheit, die, so heißt es, erst ein paar Jahrhunderte alt sei.

So findet man für eine Übergangs- und Einübungsphase, die wohl vom 14. bis ins 18. Jahrhundert hinein gedauert hat, bei geschnitzten Figuren häufig Angaben wie "aus dem Umkreis von" oder "aus der Werkstatt von" oder auch "Nachfolger von". Der Bildhauer, der dann namentlich genannt wird, ist also wahrscheinlich oder doch zumindest möglicherweise nicht identisch mit dem Holzschnitzer, der die Figur tatsächlich aus dem Holz geholt hat.

Ich muss mich gar nicht an die auch noch im 20. Jahrhundert vorhandenen Arbeitsabläufe in der Holzbildhauerwerkstatt meines Vaters erinnern: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist davon auszugehen, dass es in den Schnitzwerkstätten des Mittelalters zwei, drei oder noch mehr Personen waren, die beim Zustandekommen einer Figur oder erst recht einer zusammengehörigen Gruppe von Figuren mitgewirkt haben - wobei man für deren Ausdruck im ästhetischen Sinn letztlich nur eine Person wird verantwortlich machen wollen und können, auch wenn dieser eine sich womöglich an geschnitzten Vor-Bildern orientiert hat, die nicht von seiner Hand stammten. Aber solche Orientierungen sind ja keineswegs eine Sache der Vergangenheit (ständig begegnen mir Holzfiguren, die irgendwie nach Balkenhol aussehen), ohne dass man bei einer nachweislich gegebene Herstellerschaft die gleichzeitige Autorschaft des Herstellers infrage stellen würde.

Der Begriff des Werks im Sinne von Œuvre verbindet sich konventionellerweise mit dem Namen einer bestimmten Person. Es fällt daher auf, wenn der hier schon mehrfach erwähnte Kunsthistoriker Klaus Schwager im ersten Teil seines Zweiteilers über Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts (1955) den Ausdruck "Werkstattœuvre" gebraucht. Dass eine Werkstatt als räumlich-bauliche Gegebenheit kein Werk hervorbringen kann, versteht sich von selbst. Seine Definition für eine Werkstatt mit einem Œuvre gibt Schwager im Zusammenhang mit der Wurzacher Werkstatt des Johann Ruez: "Grundsätzlich ist [...] bei Johann Ruez die Werkstatt noch nicht von ihrem Leiter zu trennen und umgekehrt [!]. Das, was man gemeinhin 'Werkstatt' nennt, erweist sich hier noch als eine übergeordnete Einheit, der man zunächst alle Arbeiten zuweisen muß, welche ihren allgemeinen Stil zeigen [meine Hervorhebung, L. R.]. Die Grenzen zwischen den innerhalb derselben vorkommenden Stilvarianten sind so fließend, daß sich wohl das eine oder andere Mal, gleichsam zufällig, 'Eigenhändiges' herauslesen läßt [...], aber von einem bewußten Bemühen um im engeren Sinne eigenhändig-persönlicher Schöpfung kann keine Rede sein."

Man wird es zur Verdeutlichung wiederholen dürfen und müssen: Nicht nur ist nach Klaus Schwager noch um 1700 die Werkstatt nicht von ihrem Leiter (hier: Johann Ruez) zu trennen, sondern auch der Leiter nicht von seiner Werkstatt, letztere verstanden als eine übergeordnete, die Einzelwerke aufgrund stilistischer Merkmale zusammenfassende Einheit. Das Werkstatt-Œuvre wäre, historisch gesehen, demnach das, was den Künstler mit seinem Einzel-Œuvre bzw. das Einzel-Œuvre mit seinem Künstler erst ermöglicht und hervorbringt.

Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, vermute aber, dass sich der Begriff des Werkstatt-Œuvres im kunstgeschichtlichen Sprachgebrauch nicht etabliert hat, obwohl er ebenso bestechend wie einleuchtend ist. Dass ich ihn nicht kannte, will nicht viel heißen. Doch auch sonst scheint ihnen niemand zu kennen oder doch nicht zu gebrauchen. Denn bei Eingabe von "Werkstattœuvre" oder "Werkstatt-Œuvre" lieferte Google heute (am 21.10.2018) nur ganze 9 Ergebnisse.

Samstag, 20. Oktober 2018

Holzbildhauerei ist ein Handwerk, sagt der Holzbildhauer Johann Wittchow


Mein Google-Holzbildhauer-Alert meldet mir einen Zeitungsbericht über den Holzbildhauer und Tischlermeister Johann Wittchow, geboren 1983 in Kiel. Er war drei Jahre lang (2010-2013) an der Holzbildhauerschule in Oberammergau und hat erst vor kurzem die Meisterprüfung im Tischlerhandwerk abgelegt. Danach ist er von Stuttgart nach Horst in Holstein umgezogen. Er versteht oder empfiehlt sich als Ideen-Verwirklicher im Auftrag anderer (als eine Art Medium, könnte man sagen) und ausdrücklich nicht als Künstler. Das lässt aufhorchen. Ist womöglich eine Trendwende in Sicht? Gibt es bei den Holzbildhauern einen neuen Stolz auf handwerkliche Kenntnisse und Fertigkeiten, nachdem sie jahrzehntelang darauf aus gewesen sind, in erster Linie als Künstler und, wenn überhaupt, erst danach als Handwerker zu gelten?

Dabei ist es doch eine Wohltat, ja geradezu ein Akt der Befreiung, bekennen zu können (anstatt zugeben zu müssen): Ich erhebe keinen Anspruch auf Originalität, Neuheit, Autorschaft, Künstlerschaft, Authentizität und so weiter und so fort. Ich behaupte nicht mehr und nicht weniger als das, was ich durch ein Stück Wirklichkeit aus Holz belegen kann. Ich habe gemacht, was ich gemacht habe.

Das Foto stammt von Wittchows Homepage, die hier aufgerufen werden kann (bzw. am 20.10.2018 aufgerufen werden konnte).

Freitag, 19. Oktober 2018

Gottvater über Wolke aus der Werkstatt von Thomas Schwanthaler

Ließ ER sich bei den Holzschnitzern nur selten blicken oder von ihnen nur selten erblicken? In Holz geschnittene Porträts des Schöpfers, der den Menschen als eine Art Selbstporträt geschaffen hat, sieht man selten. Hier ist eines.

Werkstatt von Thomas Schwanthaler (1634-1707): Gottvater über Wolke, 1680-1690, Kiefernholz, 45 x 80 cm

Donnerstag, 18. Oktober 2018

Von Ruez auf Thamasch auf Schwanthaler

Wenn man in der Geschichte der Holzbildhauerei vom Hölzchen aufs (Bild-)Stöckchen kommt, so bleibt man doch immer und sogar metaphorisch dem Material und dem Genre treu. In den Kapiteln über Johann Ruez (von dem hier hier und hier bereits die Rede war) stellt der Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager (1925-2016) in seinem Buch über Bildhauerwerkstätten des 18. Jahrhunderts in Oberschwaben die Frage nach der "künstlerischen Herkunft des Tiroler Meisters". Zwar sei man bei ihrer Beantwortung auf Vermutungen angewiesen, doch könne man kaum daran zweifeln, dass der ursprünglich aus Tirol stammende Schnitzer im weiteren Umkreis des alpenländischen Hochbarocks künstlerisch erzogen worden sei: "Abgesehen davon, daß Ruez auf der Wanderschaft sicherlich in den verschiedensten Werkstätten als Gehilfe mitgearbeitet hat, wird man seinen eigentlich bestimmenden Lehrmeister im engeren Umkreis des in Tirol tätigen Stamser Stiftsbildhauers Andreas Thamasch suchen müssen."

Eine Zeugin dafür, dass man vom "Hölzchen" Ruez aufs "Stöckchen" Thamasch kommen muss, sieht Schwager u. a. in dieser erst nach dem Tode Thamaschs (er starb 1697 im Alter von 58 Jahren) fertiggestellten Marienfigur:

Andreas Thamasch: Marienfigur aus dem Bruderschaftsbild in der Stiftskirche Stams (vor 1697)
Foto aus Klaus Schwager: Bildhauerwerkstätten, Teil I (1955)

Die Marienstatue und der Kruzifixus der großen Kreuzigungsgruppe in derselben Stiftskirche seien, so Klaus Schwager, "die beredtesten Zeugen für diese [genealogische, L. R.] Vermutung":

Andreas Thamasch: Kreuzigungsgruppe in der Stiftskirche Stams (1681-1684)
Foto: Piergiuliano Chesi (Ausschnitt)

Thamasch wurde am 4.11.1639 in See im Paznautal geboren und starb am 9.12.1697 in Stams im Inntal. Erst fünf Jahre zuvor hatte er seine Haushälterin Maria Kleubenschedl geheiratet. Auf der Suche nach seiner künstlerischen Herkunft stößt man auf den Bildhauer Thomas Schwanthaler (1634-1707), laut Wikipedia "der bedeutendste Bildschnitzer in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Raum des heutigen Oberösterreich", bei dem Thamasch 1671 als Geselle tätig gewesen sein soll. Und so weiter und so weiter - letztlich wird man sich Adam als den ersten Holzbildhauer vorstellen müssen. Nicht von Adam I., sondern zum Abschluss noch einmal von Andreas Thamasch stammt diese Maria mit dem Jesuskind, ein Sujet, für welches ein besonderes Faible zu entwickeln ich offenbar im Begriff stehe:

Andreas Thamasch: Maria mit dem Kind, 1690-1695, Ferdinandeum Innsbruck
Foto: Wolfgang Moroder 2011

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Zwei halbe Heilige von Johann Ruez

Dem gestern hier gewürdigten Johann Ruez (1678/91-1760) werden u. a. zwei Heiligenfiguren zugeschrieben, die möglicherweise um 1750 entstanden sind. Der "Tiroler" (wie der Kunsthistoriker Klaus Schwager ihn wegen seiner Herkunft nannte) lebte da schon seit beinahe 40 Jahren im oberschwäbischen Wurzach (im Dreieck Biberach, Memmingen, Leutkirch). Von den ehemaligen Altarfiguren sind nur die im 19. Jahrhundert auf Sockel gesetzten oberen Hälften erhalten, der Rest fiel möglicherweise dem reformerischen Aktivismus des (nicht besonders populären) römisch-deutschen Kaisers Joseph II. zum Opfer. Der war zwar kein neuer Bilderstürmer, doch hatte der fortschrittliche Aufklärer und Verehrer Friedrichs II. etwas gegen nicht sozial tätige Orden, weshalb er sie aufhob und etliche Abteien (und deren Kirchen gleich mit) geschlossen wurden. Wie dem auch sei - im Resultat haben wir einen, man könnte fast meinen, bis heute folgenreichen Verlust an klerikaler Bodenhaftung. Die Originale können betrachtet werden im nicht weit von (Bad) Wurzach gelegenen Bad Waldsee (Museum im Kornhaus).


(vermutlich) Johann Ruez: Halbfigur eines Heiligen, um 1750, H (Figur) 42 cm
Foto: Museum im Kornhaus Bad Waldsee

(vermutlich) Johann Ruez: Halbfigur eines Heiligen, um 1750, H (Figur) 45 cm
Foto: Museum im Kornhaus Bad Waldsee

Dienstag, 16. Oktober 2018

Berthold Rumold wäre heute 89 geworden

Heute (um die Mittagszeit) wäre, wenn er noch leben würde, mein Vater, der Holzbildhauer Berthold Rumold (geboren am 16.10.1929 in Ludwigshafen, das damals noch zu Bayern gehörte), 89 Jahre alt geworden. Nach Ende des Krieges (Ludwigshafen lag in Trümmern) schlug er sich jenseits des Rheins mit Gelegenheitsarbeiten durch, kam dann nach Karlsruhe, machte bei Karl Kinsler eine Holzbildhauerlehre, lebte danach für kurze Zeit in Aalen, ging dann für sechs oder sieben Jahre nach Oberammergau, verdiente Geld mit dem Fertigschnitzen von Kruzifixen und legte 1962 die Meisterprüfung im Holzbildhauerhandwerk ab. Die dann folgenden 30 Jahre seines Lebens führte er am Karlsruher Hauptfriedhof eine Holzbildhauerwerkstatt. Er starb überraschend am 22.2.1992.

Berthold Rumold (rechts im Bild) um 1960 in den Ammergauer Bergen

Johann Ruez (1678-1760) in der Wallfahrtskirche Heiligkreuz bei Wurzach

Der hier in einem Beitrag über Konrad Hegenauer schon einmal erwähnte Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager (1925-2016) hat 1955 zwei schmale aber gehaltvolle Bändchen über Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Voralpengebiet veröffentlicht (DNB). Die bei kunsthistorischen Publikationen häufig anzutreffende Textgrundlage war eine Dissertation: "Der ungekürzte Text in Maschinenschrift, dem auch die genauen Abschriften der Urkunden beigegeben sind, steht durch die Universitätsbibliothek Tübingen zur Verfügung", heißt es vorab. Der erste Band befasst sich mit den Holzbildhauern Johann Ruez, Johann Georg Reusch, Franz Anton Kälin und Jakob Willibald Ruez, vier Bildhauer, die nach Klaus Schwager zu denen gehören, die in der schwäbische Plastik die Lücke schließen zwischen einer Phase der Stagnation im ausgehenden 17. Jahrhundert und neuen "Gipfelleistungen der deutschen nachmittelalterlichen Bildhauerkunst", verbunden etwa mit den Namen Josef Christian und Josef Anton Feuchtmayer.

Johann Ruez wurde, so Klaus Schwager, 1678 in Tirol geboren (getauft am 26. Januar in Stengen). Das Museum im Kornhaus Bad Waldsee gibt als Geburtsjahr 1691 an, was allerdings bedeuten würde, dass Ruez die unten abgebildeten Figuren (so sie denn tatsächlich von seiner Hand stammen und richtig datiert sind) im zarten Alter von 21, 22 oder höchstens 25 Jahren geschaffen hätte. Kaum zu glauben, würde ich sagen. Gott sei Dank sind die Probleme der Kunsthistoriker nicht meine Probleme, also lassen wir ihn "gegen Ende des 17. Jahrhunderts" zur Welt gekommen sein. Am 12. Oktober 1712 (also vor ziemlich genau 306 Jahren), soviel scheint festzustehen, wurde Ruez in der Herrschaft Wurzach (so steht es in deren Amtsverhörprotokollen) "vor einen Burger gnädig auf und angenohmen". Wurzach blieb bis zum Tod des Bildhauers am 11.1.1760 (bei dieser Jahreszahl gehen Schwager und das Museum in Bad Waldsee d'accord) dessen Wohnsitz. Als Betreiber einer florierenden Schnitz-Werkstatt hatte er es zu "auskömmlichen Verhältnisse[n]" gebracht, wie Schwager schreibt. "Ruez' Werkstatt", so Schwager weiter, "war den vielseitigen Bedürfnissen seiner herrschaftlichen und bürgerlichen Auftraggeber angepaßt. Von Altarfiguren bis zu Bilderrahmen, Schlittenverzierungen, Wandleuchtern und Wappen wurde nachweislich nahezu alles, was den plastischen Holzschmuck seiner Zeit ausmachte, hier angefertigt."

Hätte er in seiner Werkstatt nur mit Schlittenverzierungen und Bilderrahmen zu tun gehabt, wäre ihm wohl kaum die Ehre zuteil geworden, eine tragende Rolle im akademischen Schauspiel eines kunsthistorischen Promotionsverfahrens zu übernehmen. Der Wurzacher Bildhauer hatte aber mehr zu bieten. Schwager schreibt:

"Das Werk, mit dem die Tradition zu Recht schon seit jeher den Namen des Tirolers in Verbindung gebracht hat und das auch die beste Vorstellung von seiner Art vermittelt, ist die Ausstattung der Wallfahrtskirche Heiligkreuz auf dem Gottesberg bei Wurzach. Sowohl der eindrucksvolle Hochaltar mit den drei Kreuzen und fünf fast lebensgroßen Assistenzfiguren, als auch die beiden Nebenaltäre mit jeweils zwei flankierenden Heiligengestalten gehören zu den wenigen herausragenden plastischen Schöpfungen des ersten Viertels des 18. Jahrhunderts im östlichen Oberschwaben."

Wurzach, Heilgkreuz, Hochaltar, um 1715, Foto aus: Schwager: Bildhauerwerkstätten, Teil I

Wurzach, Heiligkreuz, Hochaltar, Dolorosa, um 1715, H 170 cm
Foto aus: Schwager: Bildhauerwerkstätten, Teil I

Wurzach, Heiligkreuz, Hochaltar, Johannes Evangelist, um 1715, H 170 cm
Foto aus: Schwager: Bildhauerwerkstätten, Teil I

Wurzach, Heiligkreuz, Hochaltar, Josef von Aramathäa, um 1715, H 170 cm
Foto aus: Schwager: Bildhauerwerkstätten, Teil I

Wurzach, Heiligkreuz, südlicher Nebenaltar, Hl. Bernhard von Clairveaux, um 1715, H 150cm
Foto aus: Schwager: Bildhauerwerkstätten, Teil I

Wurzach, Heiligkreuz, südlicher Nebenaltar, Hl. Katharina von Siena, um 1715, H 150cm
Foto aus: Schwager: Bildhauerwerkstätten, Teil I

Wurzach, Heiligkreuz, nördlicher Nebenaltar, Hl. Franziskus, um 1715, H 150cm
Foto aus: Schwager: Bildhauerwerkstätten, Teil I

Wurzach, Heiligkreuz, nördlicher Nebenaltar, Hl. Theresa von Avila, um 1715, H 150cm
Foto aus: Schwager: Bildhauerwerkstätten, Teil I


Samstag, 13. Oktober 2018

Blick in die Werkstatt von Karl Kinsler

Werkstatt von Karl Kinsler, Karlstraße 7, Karlsruhe - Aufnahme: Karl, nein: Horst Schlesiger 1962 (Stadtarchiv Karlsruhe)

Freitag, 12. Oktober 2018

Werkstatt Karl Kinsler in Karlsruhe

Karl Kinsler, 1960er Jahre, Platane, 101,5 x 30 x 17 cm

Diese Mutter-mit-Kind-Figur - sie sakral als Madonna mit Jesuskind zu deuten liegt insbesondere wegen der typischen Nacktheit des Knaben nahe - war bis vor kurzem Bestandteil eines Holzgrabmals auf dem Karlsruher Hauptfriedhof. Die seit 1966 bestehende Grabstätte wurde aufgelöst, doch die nur im Fußbereich leicht beschädigte Statue soll der Nachwelt erhalten bleiben. Die dunkel gebeizte und stellenweise verwitterte Oberfläche des Platanen-Holzes bot keinen schönen Anblick, weshalb ich die Skulptur im Auftrag der Besitzerin komplett überschnitzt und den Schreiner meines Vertrauens mit der Anfertigung einer neuen Plinthe aus (nachdunkelndem) Ahorn-Holz beauftragt habe. Aufgrund einer fotografischen Aufnahme von Horst Schlesiger, die sich im Karlsruher Stadtarchiv befindet, kann die Arbeit eindeutig als Werk des Holzbildhauers Karl Kinsler, dessen Werkstatt sich bis gegen Ende der 1960er Jahre in der Karlsruher Innenstadt (Karlstraße 7) befand, identifiziert werden. Es handelt sich wohl um ein vorgefrästes Serien-Modell, was der zeittypischen Schönheit der Statue keinen Abbruch tut. Gefällig fließende Linien, ausgewogene Proportionen, verhaltene Emotionalität, ein Hauch von Abstraktion ("Stilisierung") einerseits und ein wenig Archaik andererseits - so oder so ähnlich gaben sich viele der vom breiten Publikum geschätzten figürlichen Arbeiten der Nachkriegszeit, ganz gleich, ob in Holz oder in Stein, in Bronze oder Keramik gearbeitet. Der Jesusknabe erinnert mich übrigens sehr an einen Potto als (tatsächlich) tragender Bestandteil eines Lampenfußes, den mein Vater Berthold Rumold (1929-1992) als Geschenk für seine zukünftige Schwiegermutter in den 1950er Jahren geschnitzt hat - eine Ähnlichkeit, die nicht weiter verwunderlich ist, da er von 1949 bis 1952 bei Karl Kinsler in die Lehre gegangen war.


Karl Kinsler bei der Arbeit an einer Vorgänger-Skulptur aus der gleichen Serie,
fotografiert von Horst Schlesiger am 19.4.1962 (Stadtarchiv Karlsruhe)

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Museum digital

Vielleicht wird es eines Tages die Möglichkeit geben, (wenigstens) zu allen in Museen und Sammlungen befindlichen Holzskulpturen der Welt über eine einzige Website virtuellen Zugang zu erhalten. Auf dem Weg dorthin hat Dr. Stefan Rohde-Enslin (Institut für Museumsforschung Berlin) einen vielversprechenden Anfang gemacht. Im Dezember 2017 meldete er in seinem Blog zum Projekt, dass nach "einem langsamen Start in 2009" jetzt mehr als 100.000 Objekte bei museum-digital zu finden seien. Die bisher erfassten Museen sind nach Bundesländern zu Gruppen zusammengefasst, die auf jeweils einer Website (Nordrhein-Westfalen hat derer zwei) präsentiert werden. Natürlich findet man die Kontaktdaten der Museen (mit Link zur Homepage) und Beschreibungen der Objekte. Eine Schlagwortwolke bauscht sich jeweils unter "Objekte" (Hauptmenü), "Gezielte Suche" (Untermenü), aber diese Liste ist nicht vollständig! Man sollte also unter "Schlagworte" bei den Suchoptionen etwa "Holzschnitzerei", "Holzskulptur" oder Ähnliches eingeben. Wenn unter einem Schlagwort Objekte zu finden sind, zeigt sich das, noch bevor man das Wort zu Ende geschrieben hat.

museum-digital: Blog: der von Stefan Rohde-Enslin geführte Blog zum Projekt

museum-digital: Sachsen-Anhalt
museum-digital: Rheinland-Pfalz
museum-digital: Thüringen
museum-digital: Westfalen
museum-digital: Ostwestfalen-Lippe
museum-digital: Berlin
museum-digital: Baden-Württemberg
museum-digital: Brandenburg
museum-digital: Bayern
museum-digital: Mecklenburg-Vorpommern
u. a. m.

Und dann gibt es last not least: museum-digtal: Deutschland mit einem Gesamtüberblick über bislang 549 Museen und 117.387 Objekte, wobei man auch dort via Schlagwortwolke in Sachen Holzskulptur bzw. Holzschnitzerei nicht fündig wird. Sucht man allerdings nach einem bestimmten Holzschnitzer, so erfährt man prompt, in welchen Museen (sofern sie in museum-digital vertreten sind) Arbeiten von diesem zu finden sind. Auch hier ist die Suche nach Holzgeschnitztem über die gezielte Schlagwort-Suche bei den "Suchoptionen" Glückssache. Man muss das Zauberwort kennen oder erraten, damit die Schatzkammer sich öffnet ("Sesam öffne dich" funktioniert nicht, ich hab's ausprobiert).

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Badisches Landesmuseum 2

Mein erster Gang zu den spätmittelalterlichen Holzskulpturen des Badischen Landesmuseums im Karlsruher Schloss liegt nun schon zwei Wochen zurück. Zu den schönen Frauen, die in meinem Beitrag vom 26. September nicht zum Zuge kamen, weil sie weder Maria hießen noch ein Jesuskind dabei hatten, gehört diese Heiligenstatue. An wen erinnerte sie mich? Ein paar Tage später kam ich drauf, man hat ihre Gesicht eine Zeitlang regelmäßig im Fernsehen gesehen.


Heilige Barbara, vermutlich aus Basel, 1520-1525


Montag, 8. Oktober 2018

Gehör gefunden

Lothar Rumold: GEHÖR GEFUNDEN oder: Ohren 1, 2018
Eiche (Rückseite: Borke), 9 x 12 x 6,5 cm

Lothar Rumold: Ohren 2, 2018, Eiche, 12 x 15 x 6 cm

Sonntag, 7. Oktober 2018

Ein Schnitzer in Oberschwaben: Konrad Hegenauer (1734-1807)

Konrad Hegenauer (1734-1807):
Johannes in einer Kreuzigungsgruppe,
um 1770, Linde, 31 x 17 x 8,5 cm
Foto: H. Zwietasch
"Konrad Hegenauer wurde 1734 in Pfullendorf als jüngster Sohn des Bildhauers Felizian Hegenauer geboren. Bereits 1749 arbeitete 'der kleine Bruder Conrad' bei der Ausstattung des Rittersaales von Schloß Wolfegg als Gehilfe in der Familienwerkstatt mit. 1756 heiratete er in Friesenhofen (bei Leutkirch) die Witwe des Bildhauers Thomas Hofer und übernahm dessen Werkstatt. Seine Auftraggeber waren - neben zahlreichen Pfarrkirchen in der nahen und weiteren Umgebung - vor allem die Fürsten von Waldburg-Wolfegg und Waldburg-Zeil und die Fürstabtei Kempten."

(Text und Bild aus: Kunst aus/für/in Oberschwaben. Kunstankäufe der Jahre 1990-1998 durch die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke OEW. Im Auftrag der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke herausgegeben von Volker Himmelreich und Ulrike Gauss zur Ausstellung im Schloß Achberg 22. August - 18. Oktober 1998)

In seinem Aufsatz (siehe unten) zum zweihundertsten Todesjahr des Künstlers 2007 nennt Manfred Thierer ihn einen "der meist beschäftigten Bildhauer Oberschwabens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts". Wie komme ich auf Konrad Hegenauer? Das Stichwort dazu ist Oberschwaben. Am 4. Oktober 1999 fuhr ich dorthin, genauer gesagt: nach Sigmaringen, um im Landratsamt eine Rede anlässlich der Eröffnung einer Wander-Gruppenausstellung des Bezirksverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler Karlsruhe zu halten (näheres dazu hier). Als kleines Dankeschön der Sigmaringer Veranstalter wurde mir anschließend der oben genannte Kunstband überreicht. Ich warf einen flüchtigen Blick hinein und stellte das Präsent zuhause ins Regal. 19 Jahre und 4 Umzüge später schlug ich das immer noch wie neue Buch mehr oder weniger zufällig auf und fand mich wieder in einer Welt der schönen Bilder und nicht minder schönen Bildschnitzereien. Hegenauer war darin der erste in einer Reihe von rund 15 Holzschnitzern, die als Vertreter ihrer Zunft zu finden sind, und er wird hier im Blog sicher nicht der letzte sein, der diesem geschenkten Trojanischen Gaul mit einiger Verspätung (aber nicht zu spät, um die abhanden gekommene Schönheit doch noch zurückzuerobern) entstiegen sein wird.

Obwohl oder gerade weil es ein wenig paradox klingt, könnte man sagen: Bei den Hegenauers hatte sich offenbar ein Schnitzer-Gen ins Erbgut eingefressen, "denn auch Vater Felizian und die Brüder Wilhelm, Michael und Josef waren Bildhauer, die lange Zeit gemeinsam eine Werkstatt führten", wie Thierer schreibt. "Die Heimat der Hegenauer liegt aber nicht im Schwäbischen, sondern im Inngebiet um Braunau und Burghausen. Wie viele andere Künstler zogen sie ins schwäbische Alpenvorland, wo in der baufreudigen Barockzeit, reichlich Aufträge lockten." Wer Arbeiten der Hegenauers (vor allem von Konrad) in relativ großer Zahl an einem Ort versammelt sehen möchte, fährt vielleicht am besten nach Leutkirch und besucht dort das Museum im Barock. Im Weißen Saal sind 13 Arbeiten von Hegenauer-Händen versammelt, jedenfalls war das so 2007, als im 2. Heft des 18. Jahrgangs der Zeitschrift Im Oberland - Kultur, Geschichte, Natur - Beiträge aus Oberschwaben und dem Allgäu auf S. 59-64 Manfred Thierers Aufsatz erschien.

P. S.: Als Erster hat sich der Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager in den 1950er und 60er Jahren ausführlich mit der Schnitzerfamilie Hegenauer befasst: Klaus Schwager: Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Voralpengebiet, Teil II: Die Werkstätten von Felizian, Johann Wilhelm, Johann Michael und Konrad Hegenauer, Tübingen 1963 - DNB

Samstag, 6. Oktober 2018

Er war auch noch Spekulant und Holzschnitzer

Welcher französische Maler war 1887 als einfacher Arbeiter am Bau des Panamakanals beteiligt? Derselbe Maler hatte noch Anfang der 1870er Jahre als Börsenmakler und Spekulant in Frankreich viel Geld verdient. Doch dann beschloss er Maler zu werden, verließ seine Frau und die fünf Kinder, führte ein unstetes Leben, wohnte zwei Monate lang mit einem Malerkollegen zusammen, der sich irgendwann ein Ohr abschnitt und (ver)endete schließlich in den französischen Kolonien auf der Insel Hiva Oa, nicht ohne zuvor trotz seiner Syphiliserkrankung mit einer Vierzehnjährigen noch ein (gesamtbiographisch gesehen) achtes oder neuntes Kind gezeugt und sich mit der katholischen Kirche angelegt zu haben, der er Heuchelei vorwarf.

Paul Gauguin (1848-1903) hat aber nicht nur spekuliert, geschaufelt und gemalt, sondern auch geschnitzt. Zwei seiner vielleicht weniger bekannten Werke waren vor Jahren in der Karlsruhe Kunsthalle zu sehen, leider habe ich mir diese - nach dem von mir vorgestern antiquarisch erworbenen Katalog zu urteilen - großartige Ausstellung ("Von Houdon bis Rodin - französische Plastik des 19. Jahrhunderts") seiner- bzw. ihrerzeit entgehen lassen:

Paul Gauguin: Cadre aux deux "G" enlacés, 1881, Nussbaum, 18,9 x 33,6 x 1 cm
Foto: René-Gabriel Ojeda (Paris, Musée d'Orsay)

Paul Gauguin: La Toilette, 1882, Birnenholz, 34,1 x 55 x 7 cm
Foto: M. Bertola (Musée d'Art Moderne et Contemporain de Strasbourg)

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Die Mehrzahl von Baum ist Wald - Peter Wohlleben über Bäume

Was wäre der Holzbildhauer ohne Holz, sprich: ohne den noch nicht ausgestorbenen Dinosaurier unter den Pflanzen, den man Baum nennt? Die Mehrzahl von Baum ist Wald. Im nördlichen Rheinland-Pfalz dicht an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen liegt das Eifel-Dörfchen Hümmel, eine Gemeinde, die laut Wikipedia 743 Hektar (7,43 km²) davon und einen dazugehörigen Förster namens Peter Wohlleben ihr eigen nennt. Wenn er gefeiert wird, singt man mutmaßlich im Chor: "Wohl soll er leben, wohl soll er leben, dreimal ...". Und Grund zum Feiern gibt es wohl des öfteren, denn Wohllebens vor drei Jahren erschienenes Buch über Das geheime Leben der Bäume ist jetzt schon in ich weiß nicht wie vielter Auflage erschienen. Darüber hinaus ist der Waid- und Forstmann offenbar ein geschäftstüchtiger Selbst-Vermarkter, der neben Büchern auch Events und Seminare bis hin zur sechsmonatigen Ausbildung zum Waldführer anbietet. Chapeau!

Dass der Baum, wie der Mensch auch, ein Zoon politikon, ein animal sociale ist, ahnte ich ja schon seit längerem. Dass dies aber bis hin zur gewohnheitsmäßigen Abgabe von Nährstoffen an minder bemittelte Exemplare (wohlgemerkt:) derselben Baumart geht, war mir neu. Von Wald-Bäumen lernen heißt sich als Sozialverband behaupten lernen. Im folgenden gebe ich gerafft wieder, was mir bei der Lektüre auf- und gelegentlich auch eingefallen ist.

Das Zusammenleben als Wald bietet den Bäumen (die auch als eigenständige Individuen allein auf weiter Flur durchaus zurecht kommen) diverse Vorteile, als da beispielsweise sind: zuträgliches Klein-Klima, Schutz vor Wind und Wetter, Nachbarschaftshilfe, Frühwarnsystem im Hinblick auf Insektenfraß.

Entgegen einer weit verbreiteten Annahme gedeihen Bäume im Pulk dicht an dicht stehend besonders gut.

Bäume, deren Rinde man rundum einen Streifen breit entfernt, können die in der Krone erzeugten Nährstoffe nicht mehr zu den Wurzeln leiten und sollten infolgedessen eigentlich absterben. Da die Bäume im und als Wald über die Wurzeln miteinander in Verbindung stehen und sich auf diese Weise gegenseitig Nahrung zuführen können, ist das aber nicht zwangsläufig der Fall. Es kommt sogar vor, dass der fehlende Streifen Rinde durch neuen Wuchs überbrückt wird.

Laubbäume blühen (anders als Nadelbäume) in Intervallen von mehreren Jahren und sind (wie Nadelbäume) bei der Bestäubung nicht auf Bienen (Ausnahme: Vogelkirsche), sondern vor allem auf den Wind angewiesen.

Baumsamen können mehrere Jahre lang auf dem Waldboden liegen, bevor sie keimen.

Buchen werden frühestens mit 80 bis 150 Jahren geschlechtsreif. Aus den bis zu zwei Millionen Bucheckern, die sie dann im Laufe ihres mehrere hundert Jahre währenden Erwachsenenlebens produzieren, entsteht statistisch gesehen unter natürlich-normalen Bedingungen nur ein vermehrungsfähiger Baum.

Aus der Höhe und Dicke eines Baums kann man nicht auf sein Alter schließen. Aufgrund der Lichtdrosselung durch die Mutterbäume kann eine kaum mehr als bleistiftdicke und nur mannshohe Buche durchaus hundert Jahre alt sein.

Bäume, die unter Wassermangel leiden, senden Töne im Ultraschallbereich aus. Die Schwingungen entstehen beim Abreißen des Wasserstroms von den Wurzeln zu den Blättern ("kleine Knaller im Ultraschallbereich", wie es in diesem lesenswerten ZEIT-online-Artikel 2014 heißt, auf den Wohlleben sich bezieht).

Viele Baumarten bekämpfen sich oberirdisch und im Wurzelbereich "bis aufs Messer", wie Wohlleben schreibt (vielleicht wäre "bis auf die Kettensäge" hier die zwar nur selten gebrauchte, aber passendere Metapher), unterirdisch stehen sie jedoch zugleich über die mit ihnen kooperierenden Pilze artübergreifend miteinander in Verbindung. (Nebenbei: Als größtes Lebewesen - übrigens weder eine sogenannte Pflanze noch ein sogenanntes Tier - muss man wohl einen in Oregon/USA lebenden Pilz ansehen. Er ist 2.400 Jahre alt und lebt mit seinen mittlerweile 600 Tonnen derzeit auf einer Fläche von 3 mal 3 Kilometern.)

Es kommt vor, dass einzelne Bäume mehrere Hundert Liter Wasser pro Tag aus dem Boden ziehen. Da ist es um so erstaunlicher, dass man (auch wenn notorisch das Gegenteil behauptet wird) nicht weiß, wie dieser Flüssigkeitstransport vonstatten geht. Gegen die Hypothese, das Ganze funktioniere aufgrund eines Zusammenspiels von Kapillarkräften, Verdunstung und Osmose lassen sich kaum zu widerlegende Einwände vorbringen.

Eichen sind die Einzelgänger unter den Bäumen. Während sich Buchen nur in Gesellschaft wirklich wohlfühlen, entfalten Eichen ihr Potential erst in der Einsamkeit und unter Bedingungen, die ein asketisches Verhalten fordern (ich war schon immer quercophil).

In Schweden wurde das Alter des Wurzelballens einer Fichte mit der C14-Methode auf knapp 10.000 Jahre bestimmt. Damit "warf die Fichte mehrere wissenschaftliche Lehrmeinungen über Bord", schreibt Peter Wohlleben (da kennen sie kein Pardon, die Fichten).

Der Wald-Wachtelweizen wird hier nur deshalb erwähnt, weil er so heißt, wie er heißt. Wohlleben schreibt: "Er liebt [...] Fichten und klinkt sich in das Wurzel-Pilz-System ein, um ungefragt mitzuessen. Seine oberirdischen Teile sind immerhin pflanzentypisch grün und können tatsächlich ein wenig Licht und CO₂ zu Zucker umwandeln. Viel mehr als ein Alibi ist das allerdings nicht."

Auf einer Spechtflöte kann kein Mensch noch irgend ein Tier spielen. Denn es handelt sich dabei "quasi um Etagenwohnungen von Spechten, die dicht übereinanderliegen. Durch Fäulnisvorgänge gehen sie langsam fließend ineinander über und sind dann irgendwann reif für Waldkauz und Co." (Peter Wohlleben) Ich bin übrigens umgezogen, sagte der Waldkauz zum Waldkauz, meine Adresse ist jetzt Bei den fünf Buchen, Spechtflöte Nr. 14.

Der Hirschkäfer lebt bis zu acht Jahre lang als Larve und nur wenige Wochen als Hirschkäfer, um sich zu paaren. (Da fragt man sich, warum die Larven sich nicht ohne Umweg über den Käfer fortpflanzen. Die Wege des Herrn sind unergründlich.)

Die Wurzeln von Waldbäumen reichen in der Regel nur bis 1,50 Meter in die Tiefe. (Die Pfahlwurzel der Waldkiefer reicht allerdings bis zu 10 Meter tief.)

Seit dem Ende der letzten Eiszeit wandert die Buche mit einer Geschwindigkeit von ca. 400 Metern pro Jahr (das sind 40 Kilometer in 100 Jahren) nach Norden. Wohlleben schreibt: "Dieser gnadenlose Siegeszug nach Norden reicht aktuell bis Südschweden, ist aber noch nicht beendet." Gnadenlos deshalb, weil die Buche dabei andere Baumarten be- oder verdrängt, indem sie sie überwächst und ihnen damit das Sonnenlicht nimmt, sie mithin in den Schatten stellt (das sind dann die, die vorher schneller waren als die Buche). Dem Siegeszug der Buche sind allerdings klimatische Grenzen gesetzt, denn für sie liegt die Wahrheit in der Mitte: Die Buche mag es weder zu warm noch zu kalt, weder zu trocken noch zu feucht. Relativ langsam kommt die Weißtanne voran. Wohlleben: "Während die meisten unserer heimischen Baumarten mittlerweile schon in Skandinavien unterwegs sind, hat es die Weißtanne erst bis in den Harz geschafft." Doch prophezeit Wohlleben ihr eine glänzende Zukunft, da sie auch im Schatten (von Buchen) gut gedeiht und irgendwann mächtige Bäume bildet.

Zwischen Buche und Buche können die genetischen Unterschiede so groß sein wie zwischen unterschiedlichen Tierarten. "Dadurch hat jeder Baum individuell sehr unterschiedliche Eigenschaften", schreibt Wohlleben. "Manche kommen mit Trockenheit besser zurecht als mit Kälte, andere haben starke Abwehrkräfte gegen Insekten, während die Nächsten vielleicht besonders unempfindlich gegenüber nassen Füßen sind." Das heißt: Wenn sich die Lebensbedingungen (innerhalb eines bestimmten Rahmens) merklich ändern und dadurch viele Bäume absterben, bleiben immer noch genügend Einzelbäume übrig, um die Art zu erhalten.

An Eichen sieht man gelegentlich die Spuren von Blitzeinschlägen, an Buchen dagegen nie. Daraus zu schließen, dass man unter einer Buche (mit oder ohne Buch) bei Gewitter sicher ist, wäre voreilig. Die Elektrizität fließt an den glatten nassen Buchenstämmen einfach nur leichter ab als an der rauen Rinde der Eiche. Der Strom sucht sich dort seinen Weg lieber durch das feuchte Holz der äußeren Jahresringe, das dabei ("aua", wie Wohlleben gelegentlich schreibt) aufplatzt.

Eine Ikone des Naturschutzes, die Rote Waldameise, gedeiht ironischerweise dort am besten, wo es im Wald am unnatürlichsten zugeht. "Dunkle Buchenwälder", schreibt Wohlleben, "scheiden [...] als Lebensraum aus, und Waldameisen sind den Förstern sicher auf ewig dankbar, dass sie auf großen Flächen Fichten und Kiefern pflanzten."

Der Blutdruck von Waldbesuchern steigt unter Nadelbäumen an und fällt in Eichenbeständen zwar nicht ins Bodenlose, aber entspannt ab. Zugunsten der Nadelbäume muss aber gesagt werden, dass ihre Phytonzide Keime abtöten, was Allergiker u. U. zu schätzen wissen.

Aufgrund der Fotosynthese fällt im Wald tagsüber mehr Sauerstoff als CO₂ an, das in den Baum-Zellen durch die Rückverwandlung des Zuckers in Energie plus CO₂ entsteht und vor allem nachts über die Blätter und Wurzeln wieder ausgeatmet wird.

Wenn Bäume (und andere Pflanzen) das Sonnenlicht bei der Fotosynthese zu hundert Prozent nutzen könnten, würde von den Blättern kein Licht reflektiert werden und sobald man den Wald betreten würde, ginge sozusagen das Licht aus, weil die Blätter schwarz wären. Chlorophyll  weist jedoch eine sogenannte Grünlücke auf, das heißt, dass der Grünanteil des Lichts ungenutzt reflektiert wird. Glück gehabt. Übrigens auch die Grünen, denn die wären sonst ja von den Schwarzen nicht mehr zu unterscheiden.

Von Urwäldern wird vermutet, dass sie undurchdringlich seien. Dazu Wohlleben: "Reservate, in denen schon seit über 100 Jahren kein Mensch mehr Hand angelegt hat, beweisen das Gegenteil. Durch die tiefen Schatten haben Kräuter und Sträucher kaum eine Chance, sodass bei natürlichen Waldböden die Farbe Braun (von altem Laub) vorherrscht. Die kleinen Bäume wachsen extrem langsam und sehr gerade, die Seitenäste sind kurz und dünn. Es dominieren die alten Mutterbäume, deren makellose Stämme wie die Säulen einer Kathedrale wirken." Und: "Urwälder [...] sind grundsätzlich sehr gut zu begehen."

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt. München 2015 (Ludwig Verlag), 224 Seiten - DNB

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Noch einmal Hans Wydyz

Hans Wydyz: Adam und Eva, Figuren: Buchsbaum, Höhe: 16 bzw. 15 cm
Foto: Adreas Schwarzkopf - Lizenz

Zu den wenigen mit einem H und einem W signierten Werken des Hans Wydyz gehört die nach 1505 entstandene sogenannte Basler Adam- und Eva-Gruppe. Als einer, der Anfang der 1970er Jahre die damals populären Songs von Reinhard Mey auswendig kannte, weiß ich noch: (erst) "mehr als zwei sind eine Gruppe" (aus: "Bevor ich mit den Wölfen heule"). Warum also "Gruppe" dachte ich, bis ich darauf kam, dass die Schlange natürlich mitgezählt werden muss - und mein sprachlich geprägtes Weltbild war wieder in Ordnung. Mit auf die Sprünge half mir diese feine Beschreibung dessen, was man sieht, wenn man Wydyz' Pärchen bzw. sein trio infernal sieht:

"Adam wendet sich in vorgebeugter Torsion Eva zu, seine Linke anklagend gegen diese erhoben und in der Neigung seines Kopfes den Blickkontakt zu ihr suchend. Sich leicht zurücklehnend steht Eva versonnen mit gesenkten Augenlidern da. Den rechten Arm zur Schlange im Baum ausstreckend, von der sie einen weiteren Apfel empfängt, bezieht sie diese in den geschilderten Vorgang mit ein [meine Hervorhebung, L. R.]. Das in sich verschränkte Gesten- und Mienenspiel führt eindringlich die seelische Verstrickung wie die Betroffenheit des Menschenpaars vor Augen."

(Sibylle Groß: Hans Wydyz, Hildesheim-Zürich-New York 1997, S. 7 f. - DNB)

Montag, 1. Oktober 2018

Hans Wydyz und ein Nachfolger

Man besucht ein Museum, sieht sich zwei Dutzend Holzstatuen etwas genauer an, fotografiert die Hälfte von ihnen, macht ein paar Notizen und ist anschließend tagelang damit beschäftigt, sich anhand von Büchern und Internet-Texten einen Begriff und eine Vorstellung davon zu machen, was man da eigentlich gesehen hat oder hätte sehen können, wenn man darauf vorbereitet gewesen wäre. Natürlich rede ich von meinem hier bereits erwähnten Besuch im Karlsruher Schloss, mit dessen Nachbereitung ich nach wie vor beschäftigt bin.

Nachfolger des Hans Wydyz: Thronende Maria mit Kind, 1515-25 (Freiburg?), Linde?, 86 x 46 x 26 cm

Mit am meisten beeindruckt hat mich diese sogenannte Sitzmadonna, die dem Umfeld des zeitweise (ca. 1497-1517) in Freiburg i. Br. ansässigen Bildschnitzers Hans Wydyz zugeordnet wird. Warum dem Umfeld und nicht Wydyz selbst? Sibylle Groß, die sich in ihrer 1997 als Buch erschienenen Dissertation ausführlich mit dem Werk Wydyz' beschäftigt hat, schreibt dazu nur, dass die Skulptur "einen gewissen Abstand zum Formengut des Hans Wydyz" verrate, etwa "die aus dem Gesicht fliehenden Haare" (S. 224). Was einer unstrittigen Zuordnung zum Werk von Wydyz wohl hauptsächlich im Wege steht, ist das Fehlen der Signatur "HW", die man allerdings nicht einmal bei einer Handvoll der vorhandenen in Frage kommenden Arbeiten nachweisen kann.

Es liegt mir fern, mich in kunsthistorische Debatten einzumischen. Was mir an der Karlsruher Madonna jedoch auffällt, ist ihre starke Ausdruckskraft (die natürlich erst vor dem Original wirklich spürbar wird), das flächig-breite Gesicht und die asiatisch anmutenden Gesichtszüge. Ich habe nun doch schon einige Marien mit und ohne Kind zu sehen bekommen, aber selten ist mir dabei eine derart markante und eigenartige Person, um nicht zu sagen Persönlichkeit begegnet. Wer immer der Schöpfer dieser Ausnahme-Madonna war, er muss ein begnadeter Künstler von hohen Graden gewesen sein.

Noch ein paar Sätze zu Hans Wydyz. Viel weiß man nicht über ihn, was einerseits bedauerlich ist, andererseits ein wenig zur Entspannung beiträgt. Letzteres deshalb, weil sonst das Bergmassiv meines Nichtwissens (in Bezug auf Dinge, die ich eigentlich wissen sollte und wollte, um nicht zu sagen müsste) noch gewaltiger und erschreckender wäre, als es ohnehin schon ist. Man weiß, dass Wydyz um 1500 herum mit seiner Frau in der damals Augustinergasse genannten Grünwälderstraße in Freiburg gewohnt hat. In den 1490er Jahren war er vermutlich aus Straßburg gekommen, wohin er 1517 oder 1518 zusammen mit dem Maler Hans Baldung Grien zurückkehrte. Mit Baldung hatte er ab 1512 in Freiburg eine gemeinsame Werkstatt betrieben. Von einer "regen Tätigkeit bis in die 20er Jahre" ist bei Sibylle Groß die Rede, die allerdings abschließend feststellt: "Dem skulpturalen Alterswerk des Hans Wydyz bereitete, so läßt der vorliegende Befund vermuten, wohl die im Jahre 1525 einsetzende Reformation in Straßburg ein jähes Ende. Über sein weiteres Leben und den Zeitpunkt seines Todes läßt sich nur mutmaßen." (S. 278)

Empfohlener Beitrag:

Holzbildhauerei ist ein Handwerk, sagt der Holzbildhauer Johann Wittchow

Mein Google-Holzbildhauer-Alert meldet mir einen Zeitungsbericht über den Holzbildhauer und Tischlermeister Johann Wittchow, geboren 19...

Am häufigsten aufgerufene Beiträge: