Die Geburt des Œuvres aus dem Werkstattœuvre

Es gehört zu den Binsenweisheiten der Kunstgeschichtsschreibung, dass das namhafte Künstler-Individuum ein Phänomen der Neuzeit ist. Eine feste, allgemein bekannte und anerkannte Verbindung herzustellen zwischen einem Gegenstand wie zum Beispiel einer Marienstatue oder einer Heiligenfigur oder dem Figuren-Ensemble eines Altars einerseits und einer bestimmten, namentlich bekannten Person andererseits, ist eine Gepflogenheit, die, so heißt es, erst ein paar Jahrhunderte alt sei.

So findet man für eine Übergangs- und Einübungsphase, die wohl vom 14. bis ins 18. Jahrhundert hinein gedauert hat, bei geschnitzten Figuren häufig Angaben wie "aus dem Umkreis von" oder "aus der Werkstatt von" oder auch "Nachfolger von". Der Bildhauer, der dann namentlich genannt wird, ist also wahrscheinlich oder doch zumindest möglicherweise nicht identisch mit dem Holzschnitzer, der die Figur tatsächlich aus dem Holz geholt hat.

Ich muss mich gar nicht an die auch noch im 20. Jahrhundert vorhandenen Arbeitsabläufe in der Holzbildhauerwerkstatt meines Vaters erinnern: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist davon auszugehen, dass es in den Schnitzwerkstätten des Mittelalters zwei, drei oder noch mehr Personen waren, die beim Zustandekommen einer Figur oder erst recht einer zusammengehörigen Gruppe von Figuren mitgewirkt haben - wobei man für deren Ausdruck im ästhetischen Sinn letztlich nur eine Person wird verantwortlich machen wollen und können, auch wenn dieser eine sich womöglich an geschnitzten Vor-Bildern orientiert hat, die nicht von seiner Hand stammten. Aber solche Orientierungen sind ja keineswegs eine Sache der Vergangenheit (ständig begegnen mir Holzfiguren, die irgendwie nach Balkenhol aussehen), ohne dass man bei einer nachweislich gegebene Herstellerschaft die gleichzeitige Autorschaft des Herstellers infrage stellen würde.

Der Begriff des Werks im Sinne von Œuvre verbindet sich konventionellerweise mit dem Namen einer bestimmten Person. Es fällt daher auf, wenn der hier schon mehrfach erwähnte Kunsthistoriker Klaus Schwager im ersten Teil seines Zweiteilers über Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts (1955) den Ausdruck "Werkstattœuvre" gebraucht. Dass eine Werkstatt als räumlich-bauliche Gegebenheit kein Werk hervorbringen kann, versteht sich von selbst. Seine Definition für eine Werkstatt mit einem Œuvre gibt Schwager im Zusammenhang mit der Wurzacher Werkstatt des Johann Ruez: "Grundsätzlich ist [...] bei Johann Ruez die Werkstatt noch nicht von ihrem Leiter zu trennen und umgekehrt [!]. Das, was man gemeinhin 'Werkstatt' nennt, erweist sich hier noch als eine übergeordnete Einheit, der man zunächst alle Arbeiten zuweisen muß, welche ihren allgemeinen Stil zeigen [meine Hervorhebung, L. R.]. Die Grenzen zwischen den innerhalb derselben vorkommenden Stilvarianten sind so fließend, daß sich wohl das eine oder andere Mal, gleichsam zufällig, 'Eigenhändiges' herauslesen läßt [...], aber von einem bewußten Bemühen um im engeren Sinne eigenhändig-persönlicher Schöpfung kann keine Rede sein."

Man wird es zur Verdeutlichung wiederholen dürfen und müssen: Nicht nur ist nach Klaus Schwager noch um 1700 die Werkstatt nicht von ihrem Leiter (hier: Johann Ruez) zu trennen, sondern auch der Leiter nicht von seiner Werkstatt, letztere verstanden als eine übergeordnete, die Einzelwerke aufgrund stilistischer Merkmale zusammenfassende Einheit. Das Werkstatt-Œuvre wäre, historisch gesehen, demnach das, was den Künstler mit seinem Einzel-Œuvre bzw. das Einzel-Œuvre mit seinem Künstler erst ermöglicht und hervorbringt.

Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, vermute aber, dass sich der Begriff des Werkstatt-Œuvres im kunstgeschichtlichen Sprachgebrauch nicht etabliert hat, obwohl er ebenso bestechend wie einleuchtend ist. Dass ich ihn nicht kannte, will nicht viel heißen. Doch auch sonst scheint ihnen niemand zu kennen oder doch nicht zu gebrauchen. Denn bei Eingabe von "Werkstattœuvre" oder "Werkstatt-Œuvre" lieferte Google heute (am 21.10.2018) nur ganze 9 Ergebnisse.

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