Die Mehrzahl von Baum ist Wald - Peter Wohlleben über Bäume

Was wäre der Holzbildhauer ohne Holz, sprich: ohne den noch nicht ausgestorbenen Dinosaurier unter den Pflanzen, den man Baum nennt? Die Mehrzahl von Baum ist Wald. Im nördlichen Rheinland-Pfalz dicht an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen liegt das Eifel-Dörfchen Hümmel, eine Gemeinde, die laut Wikipedia 743 Hektar (7,43 km²) davon und einen dazugehörigen Förster namens Peter Wohlleben ihr eigen nennt. Wenn er gefeiert wird, singt man mutmaßlich im Chor: "Wohl soll er leben, wohl soll er leben, dreimal ...". Und Grund zum Feiern gibt es wohl des öfteren, denn Wohllebens vor drei Jahren erschienenes Buch über Das geheime Leben der Bäume ist jetzt schon in ich weiß nicht wie vielter Auflage erschienen. Darüber hinaus ist der Waid- und Forstmann offenbar ein geschäftstüchtiger Selbst-Vermarkter, der neben Büchern auch Events und Seminare bis hin zur sechsmonatigen Ausbildung zum Waldführer anbietet. Chapeau!

Dass der Baum, wie der Mensch auch, ein Zoon politikon, ein animal sociale ist, ahnte ich ja schon seit längerem. Dass dies aber bis hin zur gewohnheitsmäßigen Abgabe von Nährstoffen an minder bemittelte Exemplare (wohlgemerkt:) derselben Baumart geht, war mir neu. Von Wald-Bäumen lernen heißt sich als Sozialverband behaupten lernen. Im folgenden gebe ich gerafft wieder, was mir bei der Lektüre auf- und gelegentlich auch eingefallen ist.

Das Zusammenleben als Wald bietet den Bäumen (die auch als eigenständige Individuen allein auf weiter Flur durchaus zurecht kommen) diverse Vorteile, als da beispielsweise sind: zuträgliches Klein-Klima, Schutz vor Wind und Wetter, Nachbarschaftshilfe, Frühwarnsystem im Hinblick auf Insektenfraß.

Entgegen einer weit verbreiteten Annahme gedeihen Bäume im Pulk dicht an dicht stehend besonders gut.

Bäume, deren Rinde man rundum einen Streifen breit entfernt, können die in der Krone erzeugten Nährstoffe nicht mehr zu den Wurzeln leiten und sollten infolgedessen eigentlich absterben. Da die Bäume im und als Wald über die Wurzeln miteinander in Verbindung stehen und sich auf diese Weise gegenseitig Nahrung zuführen können, ist das aber nicht zwangsläufig der Fall. Es kommt sogar vor, dass der fehlende Streifen Rinde durch neuen Wuchs überbrückt wird.

Laubbäume blühen (anders als Nadelbäume) in Intervallen von mehreren Jahren und sind (wie Nadelbäume) bei der Bestäubung nicht auf Bienen (Ausnahme: Vogelkirsche), sondern vor allem auf den Wind angewiesen.

Baumsamen können mehrere Jahre lang auf dem Waldboden liegen, bevor sie keimen.

Buchen werden frühestens mit 80 bis 150 Jahren geschlechtsreif. Aus den bis zu zwei Millionen Bucheckern, die sie dann im Laufe ihres mehrere hundert Jahre währenden Erwachsenenlebens produzieren, entsteht statistisch gesehen unter natürlich-normalen Bedingungen nur ein vermehrungsfähiger Baum.

Aus der Höhe und Dicke eines Baums kann man nicht auf sein Alter schließen. Aufgrund der Lichtdrosselung durch die Mutterbäume kann eine kaum mehr als bleistiftdicke und nur mannshohe Buche durchaus hundert Jahre alt sein.

Bäume, die unter Wassermangel leiden, senden Töne im Ultraschallbereich aus. Die Schwingungen entstehen beim Abreißen des Wasserstroms von den Wurzeln zu den Blättern ("kleine Knaller im Ultraschallbereich", wie es in diesem lesenswerten ZEIT-online-Artikel 2014 heißt, auf den Wohlleben sich bezieht).

Viele Baumarten bekämpfen sich oberirdisch und im Wurzelbereich "bis aufs Messer", wie Wohlleben schreibt (vielleicht wäre "bis auf die Kettensäge" hier die zwar nur selten gebrauchte, aber passendere Metapher), unterirdisch stehen sie jedoch zugleich über die mit ihnen kooperierenden Pilze artübergreifend miteinander in Verbindung. (Nebenbei: Als größtes Lebewesen - übrigens weder eine sogenannte Pflanze noch ein sogenanntes Tier - muss man wohl einen in Oregon/USA lebenden Pilz ansehen. Er ist 2.400 Jahre alt und lebt mit seinen mittlerweile 600 Tonnen derzeit auf einer Fläche von 3 mal 3 Kilometern.)

Es kommt vor, dass einzelne Bäume mehrere Hundert Liter Wasser pro Tag aus dem Boden ziehen. Da ist es um so erstaunlicher, dass man (auch wenn notorisch das Gegenteil behauptet wird) nicht weiß, wie dieser Flüssigkeitstransport vonstatten geht. Gegen die Hypothese, das Ganze funktioniere aufgrund eines Zusammenspiels von Kapillarkräften, Verdunstung und Osmose lassen sich kaum zu widerlegende Einwände vorbringen.

Eichen sind die Einzelgänger unter den Bäumen. Während sich Buchen nur in Gesellschaft wirklich wohlfühlen, entfalten Eichen ihr Potential erst in der Einsamkeit und unter Bedingungen, die ein asketisches Verhalten fordern (ich war schon immer quercophil).

In Schweden wurde das Alter des Wurzelballens einer Fichte mit der C14-Methode auf knapp 10.000 Jahre bestimmt. Damit "warf die Fichte mehrere wissenschaftliche Lehrmeinungen über Bord", schreibt Peter Wohlleben (da kennen sie kein Pardon, die Fichten).

Der Wald-Wachtelweizen wird hier nur deshalb erwähnt, weil er so heißt, wie er heißt. Wohlleben schreibt: "Er liebt [...] Fichten und klinkt sich in das Wurzel-Pilz-System ein, um ungefragt mitzuessen. Seine oberirdischen Teile sind immerhin pflanzentypisch grün und können tatsächlich ein wenig Licht und CO₂ zu Zucker umwandeln. Viel mehr als ein Alibi ist das allerdings nicht."

Auf einer Spechtflöte kann kein Mensch noch irgend ein Tier spielen. Denn es handelt sich dabei "quasi um Etagenwohnungen von Spechten, die dicht übereinanderliegen. Durch Fäulnisvorgänge gehen sie langsam fließend ineinander über und sind dann irgendwann reif für Waldkauz und Co." (Peter Wohlleben) Ich bin übrigens umgezogen, sagte der Waldkauz zum Waldkauz, meine Adresse ist jetzt Bei den fünf Buchen, Spechtflöte Nr. 14.

Der Hirschkäfer lebt bis zu acht Jahre lang als Larve und nur wenige Wochen als Hirschkäfer, um sich zu paaren. (Da fragt man sich, warum die Larven sich nicht ohne Umweg über den Käfer fortpflanzen. Die Wege des Herrn sind unergründlich.)

Die Wurzeln von Waldbäumen reichen in der Regel nur bis 1,50 Meter in die Tiefe. (Die Pfahlwurzel der Waldkiefer reicht allerdings bis zu 10 Meter tief.)

Seit dem Ende der letzten Eiszeit wandert die Buche mit einer Geschwindigkeit von ca. 400 Metern pro Jahr (das sind 40 Kilometer in 100 Jahren) nach Norden. Wohlleben schreibt: "Dieser gnadenlose Siegeszug nach Norden reicht aktuell bis Südschweden, ist aber noch nicht beendet." Gnadenlos deshalb, weil die Buche dabei andere Baumarten be- oder verdrängt, indem sie sie überwächst und ihnen damit das Sonnenlicht nimmt, sie mithin in den Schatten stellt (das sind dann die, die vorher schneller waren als die Buche). Dem Siegeszug der Buche sind allerdings klimatische Grenzen gesetzt, denn für sie liegt die Wahrheit in der Mitte: Die Buche mag es weder zu warm noch zu kalt, weder zu trocken noch zu feucht. Relativ langsam kommt die Weißtanne voran. Wohlleben: "Während die meisten unserer heimischen Baumarten mittlerweile schon in Skandinavien unterwegs sind, hat es die Weißtanne erst bis in den Harz geschafft." Doch prophezeit Wohlleben ihr eine glänzende Zukunft, da sie auch im Schatten (von Buchen) gut gedeiht und irgendwann mächtige Bäume bildet.

Zwischen Buche und Buche können die genetischen Unterschiede so groß sein wie zwischen unterschiedlichen Tierarten. "Dadurch hat jeder Baum individuell sehr unterschiedliche Eigenschaften", schreibt Wohlleben. "Manche kommen mit Trockenheit besser zurecht als mit Kälte, andere haben starke Abwehrkräfte gegen Insekten, während die Nächsten vielleicht besonders unempfindlich gegenüber nassen Füßen sind." Das heißt: Wenn sich die Lebensbedingungen (innerhalb eines bestimmten Rahmens) merklich ändern und dadurch viele Bäume absterben, bleiben immer noch genügend Einzelbäume übrig, um die Art zu erhalten.

An Eichen sieht man gelegentlich die Spuren von Blitzeinschlägen, an Buchen dagegen nie. Daraus zu schließen, dass man unter einer Buche (mit oder ohne Buch) bei Gewitter sicher ist, wäre voreilig. Die Elektrizität fließt an den glatten nassen Buchenstämmen einfach nur leichter ab als an der rauen Rinde der Eiche. Der Strom sucht sich dort seinen Weg lieber durch das feuchte Holz der äußeren Jahresringe, das dabei ("aua", wie Wohlleben gelegentlich schreibt) aufplatzt.

Eine Ikone des Naturschutzes, die Rote Waldameise, gedeiht ironischerweise dort am besten, wo es im Wald am unnatürlichsten zugeht. "Dunkle Buchenwälder", schreibt Wohlleben, "scheiden [...] als Lebensraum aus, und Waldameisen sind den Förstern sicher auf ewig dankbar, dass sie auf großen Flächen Fichten und Kiefern pflanzten."

Der Blutdruck von Waldbesuchern steigt unter Nadelbäumen an und fällt in Eichenbeständen zwar nicht ins Bodenlose, aber entspannt ab. Zugunsten der Nadelbäume muss aber gesagt werden, dass ihre Phytonzide Keime abtöten, was Allergiker u. U. zu schätzen wissen.

Aufgrund der Fotosynthese fällt im Wald tagsüber mehr Sauerstoff als CO₂ an, das in den Baum-Zellen durch die Rückverwandlung des Zuckers in Energie plus CO₂ entsteht und vor allem nachts über die Blätter und Wurzeln wieder ausgeatmet wird.

Wenn Bäume (und andere Pflanzen) das Sonnenlicht bei der Fotosynthese zu hundert Prozent nutzen könnten, würde von den Blättern kein Licht reflektiert werden und sobald man den Wald betreten würde, ginge sozusagen das Licht aus, weil die Blätter schwarz wären. Chlorophyll  weist jedoch eine sogenannte Grünlücke auf, das heißt, dass der Grünanteil des Lichts ungenutzt reflektiert wird. Glück gehabt. Übrigens auch die Grünen, denn die wären sonst ja von den Schwarzen nicht mehr zu unterscheiden.

Von Urwäldern wird vermutet, dass sie undurchdringlich seien. Dazu Wohlleben: "Reservate, in denen schon seit über 100 Jahren kein Mensch mehr Hand angelegt hat, beweisen das Gegenteil. Durch die tiefen Schatten haben Kräuter und Sträucher kaum eine Chance, sodass bei natürlichen Waldböden die Farbe Braun (von altem Laub) vorherrscht. Die kleinen Bäume wachsen extrem langsam und sehr gerade, die Seitenäste sind kurz und dünn. Es dominieren die alten Mutterbäume, deren makellose Stämme wie die Säulen einer Kathedrale wirken." Und: "Urwälder [...] sind grundsätzlich sehr gut zu begehen."

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren - die Entdeckung einer verborgenen Welt. München 2015 (Ludwig Verlag), 224 Seiten - DNB

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