Die starken Arme der Maria Magdalena des Johann Georg Reusch

Anders als bei den üblichen, auf die Person bezogenen Œuvres einzelner Holzbildhauer wird es im Fall der im letzten Beitrag thematisierten Werkstatt-Œuvres regelmäßig zu Überschneidungen, also zu Schnittmengen kommen, bei denen ein und dasselbe Einzelwerk mindestens zwei verschiedenen Werkstatt-Œuvres zugeordnet werden kann.

Beim oberschwäbischen "Bildhauer von Waldsee" Johann Georg Reusch (er wurde gegen Ende des 17. Jahrhunderts geboren und starb Mitte des 18. Jahrhunderts, Genaueres ist nicht bekannt) wird man die frühen Arbeiten der Wurzacher Werkstatt von Johann Ruez, Reuschs späteres Schnitz-Werk jedoch seiner eigenen Werkstatt und deren Werkstatt-Œuvre zuordnen wollen. In Teil I seines hier immer wieder erwähnten Buches Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Voralpengebiet (1955) schreibt Klaus Schwager, Reusch habe "einen wesentlichen Teil seiner Ausbildung [...] sicherlich in der Werkstatt des Johann Ruez genossen", sei aber bei seiner ersten urkundlichen Erwähnung 1712 bereits selbständig gewesen.

Zweifellos dem Œuvre Reuschs und damit auch seinem Werkstatt-Œuvre zuzuordnen ist eine auch im Knien noch 95 cm hohe Maria Magdalena, die zum Personal des Kreuzaltars in der Stiftskirche St. Peter in Waldsee gehört, und um die es mir in diesem Beitrag hauptsächlich zu tun ist. Fragen der wissenschaftlichen Terminologie sind (wenigstens für mich) nicht uninteressant. Aber was sollte das ganz Forschen und Theoretisieren, wenn mich die zu erforschenden Werke unbeeindruckt ließen. Klaus Schwager, der diese Maria Magdalena mit den auffallend starken Armen offenbar nicht ganz so beachtlich findet wie ich, schreibt:

"Die typischen Kennzeichen des Reuschstiles: gedrungene Proportion, auffallend stark im Block befangene Gestalt und das Ungefüge der einzelnen Gewandmotive haben [...] einen Prozeß der Erweichung über sich ergehen lassen, so daß das, was einst blockig-holzig wirkte, jetzt teigig, manchmal sogar fast geschmeidig anmutet. Geblieben ist das schwunglos-erdhafte Verharren der Körper, Gewachsen scheint dagegen die Intensität des aller Typik und aller Idealität des Barock mehr und mehr entsagenden Ausdrucks, aufgipfelnd in der stumm in Schmerz und Trauer unter dem Kreuz zusammengebrochenen Magdalena."

Wohl wahr: diese Magdalena hat nichts schwungvoll Schwereloses, doch ist der Eindruck von schwerelosem Aufschwung kein ästhetischer Wert an sich. Auch meine ich, dass Schwager irrt, wenn er glaubt, die in die Knie Gegangene sei zusammengebrochen.

Johann Georg Reusch: Maria Magdalena, 1754, Kreuzaltar, St. Peter, Waldsee, H. 95 cm
Foto aus Klaus Schwagers Bildhauerwerkstätten (1955)

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