Franz Anton und Conrad Kälin oder: Anachronismus hin, Authentizität her

Als der ursprünglich aus Einsiedeln in der Schweiz stammende Holzbildhauer Franz Anton Kälin (geboren etwa 1710 oder früher) am 19. Februar 1754 überraschend starb, hatte er den großen Choraltar in der Klosterkirche in Wettingen (Schweiz) gerade erst fertig gestellt. Kälin hat um 1730 herum wohl eine Zeitlang in der Werkstatt von Johann Ruez im oberschwäbischen Wurzach gearbeitet und ist danach selbständig in Wurzach tätig gewesen. Seine Wurzacher Zeit endete, als er 1751 den Auftrag erhielt, im 200 Kilometer entfernten Wettinger Zisterzienserkloster diesen neuen, "modernen" Altar zu errichten:


Franz Anton Kälin: Hochalter in der Klosterkirche von Wettingen im Aargau, 1751-54
Foto aus: Klaus Schwager Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts, Teil I (1955)

Es gibt die Vermutung, dass Franz Anton Kälin den Wettinger Altar unter Mitwirkung seines (wie es heißt: "mutmaßlichen") Sohns Conrad Kälin geschaffen hat, und dass der mutmaßliche oder tatsächliche Sohn Teile der Kirchenausstattung nach dem Tod des Vaters alleine vollendet hat.

Als mein Vater Berthold Rumold, gleichfalls an einem Tag Ende Februar, allerdings 238 Jahre nach Kälin, völlig unerwartet starb, hatte ich erst ein halbes Jahr zuvor die Gesellenprüfung abgelegt. Wegen meiner Unerfahrenheit kam es für mich nicht infrage, das Angebot, das mir Pfarrer Kirn von Sankt Martin in Rintheim machte, anzunehmen. Pfarrer Kirn hatte mir nämlich vorgeschlagen, den von meinem Vater bereits als Modell in Originalgröße entworfenen und von der Kirchengemeinde gutgeheißenen Kreuzweg anstelle meines Vaters in Holz auszuführen.

Pfarrer Kirn wies damals darauf hin, dass es in früheren Zeiten ja durchaus vorgekommen sei, dass ein Sohn das begonnene Werk seines Vaters in dessen Sinn vollendet habe. Das war mir zwar nicht unbekannt, aber dennoch oder gerade deshalb kam mir sein vertrauensvolles Ansinnen weniger folgerichtig, als vielmehr anachronistisch vor. Es mag "tatsächlich" anachronistisch gewesen sein, doch war es deshalb, aus meiner heutigen Sicht, keineswegs inakzeptabel, im Gegenteil. Ob ich zur Übernahme der Arbeit vor mehr als 26 Jahren willens gewesen wäre, wenn ich mich zu ihrer Ausführung holzbildhauerisch in der Lage gesehen hätte? Vermutlich ja. Denn, Anachronismus hin, künstlerische Authentizität her, welcher Schnitzer, der noch bei Trost ist, lässt sich so einen Auftrag durch die Lappen gehen?


Berthold Rumold: Kreuzweg für St. Martin in Karlsruhe-Rintheim, 1991/92, Tonmodell

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