Von Ruez auf Thamasch auf Schwanthaler

Wenn man in der Geschichte der Holzbildhauerei vom Hölzchen aufs (Bild-)Stöckchen kommt, so bleibt man doch immer und sogar metaphorisch dem Material und dem Genre treu. In den Kapiteln über Johann Ruez (von dem hier hier und hier bereits die Rede war) stellt der Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager (1925-2016) in seinem Buch über Bildhauerwerkstätten des 18. Jahrhunderts in Oberschwaben die Frage nach der "künstlerischen Herkunft des Tiroler Meisters". Zwar sei man bei ihrer Beantwortung auf Vermutungen angewiesen, doch könne man kaum daran zweifeln, dass der ursprünglich aus Tirol stammende Schnitzer im weiteren Umkreis des alpenländischen Hochbarocks künstlerisch erzogen worden sei: "Abgesehen davon, daß Ruez auf der Wanderschaft sicherlich in den verschiedensten Werkstätten als Gehilfe mitgearbeitet hat, wird man seinen eigentlich bestimmenden Lehrmeister im engeren Umkreis des in Tirol tätigen Stamser Stiftsbildhauers Andreas Thamasch suchen müssen."

Eine Zeugin dafür, dass man vom "Hölzchen" Ruez aufs "Stöckchen" Thamasch kommen muss, sieht Schwager u. a. in dieser erst nach dem Tode Thamaschs (er starb 1697 im Alter von 58 Jahren) fertiggestellten Marienfigur:

Andreas Thamasch: Marienfigur aus dem Bruderschaftsbild in der Stiftskirche Stams (vor 1697)
Foto aus Klaus Schwager: Bildhauerwerkstätten, Teil I (1955)

Die Marienstatue und der Kruzifixus der großen Kreuzigungsgruppe in derselben Stiftskirche seien, so Klaus Schwager, "die beredtesten Zeugen für diese [genealogische, L. R.] Vermutung":

Andreas Thamasch: Kreuzigungsgruppe in der Stiftskirche Stams (1681-1684)
Foto: Piergiuliano Chesi (Ausschnitt)

Thamasch wurde am 4.11.1639 in See im Paznautal geboren und starb am 9.12.1697 in Stams im Inntal. Erst fünf Jahre zuvor hatte er seine Haushälterin Maria Kleubenschedl geheiratet. Auf der Suche nach seiner künstlerischen Herkunft stößt man auf den Bildhauer Thomas Schwanthaler (1634-1707), laut Wikipedia "der bedeutendste Bildschnitzer in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Raum des heutigen Oberösterreich", bei dem Thamasch 1671 als Geselle tätig gewesen sein soll. Und so weiter und so weiter - letztlich wird man sich Adam als den ersten Holzbildhauer vorstellen müssen. Nicht von Adam I., sondern zum Abschluss noch einmal von Andreas Thamasch stammt diese Maria mit dem Jesuskind, ein Sujet, für welches ein besonderes Faible zu entwickeln ich offenbar im Begriff stehe:

Andreas Thamasch: Maria mit dem Kind, 1690-1695, Ferdinandeum Innsbruck
Foto: Wolfgang Moroder 2011

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