Donnerstag, 29. November 2018

Und endlich die Bildhauer Zürn

Seit einem halben Jahr, wenn nicht schon länger, finde und finde (und finde) ich Holzbildwerke und -hauer in Oberschwaben oder, sagen wir, in der Region nördlich und östlich des Bodensees. Es fing, glaube ich, an mit dem Pfullendorfer Konrad Hegenauer (zweite Hälfte 18. Jahrhundert) und dessen Vater Felizian. Durch Hegenauer kam ich auf den Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager, der nicht nur ein Buch über die Werkstätten der Hegenauers (es gab noch mehr Schnitzer in der Familie) veröffentlicht hat, sondern auch eines (schmalrückig, aber gehaltvoll)  über Johann Ruez, Johann Georg Reusch, Franz Anton Kälin und Jakob Ruez (alle 18. Jahrhundert). Hinzu kamen der großartige Anton Sturm in Füssen (auch er ein Zeitgenosse von Konrad Hegenauer) und zuletzt der Konstanzer Bildhauer Christoph Daniel Schenck (ziemlich genau hundert Jahre vor Hegenauer geboren) und mit ihm die ganze Sippe der Schenck-Bildhauer.

Ein ums andere Mal begegnete mir bei meinen virtuellen Streifzügen durch Kirchen, Klöster und Museen der Name Zürn und ich ahnte schon, dass ich über Hans, Martin und Jörg Zürn eher früher als später den einen und anderen Beitrag ins Netz würde stellen wollen.

Das zweibändige Mammut-Werk (insgesamt 830 Seiten) über Die Bildhauerfamilie Zürn liegt für mich in der Badischen Landesbibliothek zur Abholung bereit und mit einer oxymorotischen Mischung aus Vorfreude und Grauen stelle ich mir vor, wie ich in Bälde Claus Zoege von Manteuffels Beitrag zur Kunstgeschichtsschreibung in Händen halten und mehr oder weniger schwer atmend nach Hause tragen werde. Es ist immer gut, wenn ich um Weihnachten herum eine Beschäftigung habe, der ich mich vor und nach den familiären Verpflichtungen widmen kann.

Der "Stammvater der berühmten oberschwäbischen Bildhauerfamilie Zürn", wie es bei Wikipedia heißt, war Hans Zürn, mit dem Zusatz "der Ältere", wobei es sich beim jüngeren Hans Zürn um seinen zirka 1585 geborener Sohn handelt. Zum Auftakt der Beitrags-Serie (denn eine solche wird es, mit Unterbrechungen, wohl werden) über die Zürns hier ein Heiliger Jakobus von Hans Zürn (ca. 1560-1631), leicht erkennbar an den beiden Muschel-Broschen:


Hans Zürn: Hl. Jakobus, um 1613, Lindenholz (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)
Foto: Mattes

Sonntag, 25. November 2018

Christoph Daniel und andere Mitglieder der Bildhauerfamilie Schenck

Schon sein Vater Hans Christoph und sein Großonkel Hans "versorgten", wie Brigitte Lohse in Lohse 1960 schreibt, "die Kirchen in und um Konstanz bis hinauf nach St. Gallen mit Altarfiguren". Am 26.8.1633 wurde Christoph Daniel Schenck von seinem Vater in St. Johann zu Konstanz zur Taufe angemeldet. Die Schencks waren aus Mindelheim an den Bodensee gezogen, Mindelheim liegt zwischen Memmingen und Landsberg am Lech, gut 130 Kilometer von Konstanz entfernt. "Für Christoph Daniel ist seine Geburtsstadt immer der Mittelpunkt seines zwischen Einsiedeln und Zwiefalten abgrenzbaren Schaffensgebietes geblieben." (Lohse 1960, S. 7)

Für Brigitte Lohse ist Christoph Daniel Schencks eigentliches Betätigungsfeld das der Kleinplastik, wozu auch Elfenbein-Miniaturen, beispielsweise die "Verspottung Christi", ein Relief von 1685 im Format 9,2 x 5,5 cm, oder ein 11 cm hoher Hl. Sebastian zu zählen sind. Andere sahen in ihm anscheinend primär einen Schöpfer religiöser Großplastik, wie aus einer Bemerkung von Sabine Haag zu folgern ist, die dann Johann Caspar Schenck, einen älteren Verwandten von Christoph Daniel, als dessen von Konstanz nach Wien umgezogenen Lehrmeister für Kleinplastisches ins Spiel bringt (in: Rosengartenmuseum 1996).

Neben Christoph Daniel Schenck, der insbesondere seine kleinplastischen Arbeiten erfreulicherweise zu signieren und zu datieren pflegte, haben wir es also in Sachen Holzbildhauerei mit dem Vater Hans Christoph und dessen Onkel Hans zu tun. Außerdem gab es besagten Johann Caspar Schenck, von dem man biographisch u. a. weiß, dass er aus derselben Familie und Konstanzer Werkstatt stammt, dann nach Innsbruck gegangen und 1674 in Wien gestorben ist. Desweitern war da noch ein Georg (er blieb in Mindelheim), ein Christoph (Großvater von Christoph Daniel), ein Philipp und ein Simon Schenck (der ging von Mindelheim nach München). Ein jüngerer Bruder von Christoph Daniel, dem hier mein Hauptinteresse gilt, hieß Johann Kaspar. Ob der auch Holzbildhauer war? Es steht zu befürchten.


Oben: Christoph Daniel Schenck: Cruzifixus, 1685/87, Mariaberg bei Gammertingen
(in: Rosengartenmuseum 1996)
Unten: Pietà in der Pfarrkirche von Markdorf, entweder Christoph Daniel oder Johann Caspar Schenck zuzuschreiben
(in: Lohse 1960)

Oben: Christoph Daniel Schenck und Werkstatt: Maria Magdalena, 1684/85
(in: Rosengartenmuseum 1996)
Unten: Pietà in der Pfarrkirche von Markdorf, entweder Christoph Daniel oder Johann Caspar Schenck zuzuschreiben
(in: Lohse 1960)

In diesen drei wunderschön geformten Gesichtern (des Gekreuzigten, der Maria Magdalena und der Maria aus dem Vesperbild) denselben Bildschnitzer wiederzuerkennen, scheint mir eine relativ leichte Übung zu sein. Brigitte Lohse sieht das auch so. Im Ausstellungskatalog von 1996 (Rosengartenmuseum 1996) wird die Maria Magdalena dagegen nicht Christoph Daniel, sondern Johann Caspar Schenck zugeordnet, obwohl es dafür keine zwingenden Gründe gibt. Vielleicht ist es unter Kunsthistorikern verpönt, seinen Augen zu trauen?

Zur Seite über Christoph Daniel Schenck bitte hier weiterklicken.

Freitag, 23. November 2018

Der Schnitzer auf Schloss Tullau: Leonhard Kern

Diese beiden Figuren aus Buchsbaum befinden sich heute im Besitz des Berliner Bode-Museums. Sie mögen ursprünglich irgendeinem Fürsten gehört haben, denn die Arbeiten von Leonhard Kern (1588-1662) waren im 17. Jahrhundert in adeligen Kreisen beliebte Sammlerstücke. Kern, einer der erfolgreichsten deutschen Bildhauer seiner Zeit, war kein ausgesprochener Holzbildhauer, doch werden die vielen kleinformatigen Holz-Statuetten, die er nach seiner Niederlassung in Schwäbisch Hall 1620 anfertigte, ihren nicht geringen Teil zur Vermögensbildung beigetragen haben. Kerns Kleinodien in Holz und Elfenbein waren so beliebt, dass der Bildhauer sich 1642 den Erwerb von Schloss Tullau bei Schwäbisch Hall leisten konnte. Er lebte und schnitzte dort zwischen 1651 und 1661.


Kleinere Ansicht durch Klick ins Bild.

Donnerstag, 22. November 2018

Der Holzbildhauer Wolfgang Kleiser in Hammereisenbach

Den hier schon einmal erwähnten südbadischen Holzbildhauer Wolfgang Kleiser (geboren 1936 in Urach) sieht man unten bei den von ihm geschaffenen Stelen auf einem Gräberfeld des Friedhofs seines Wohnorts Hammereisenbach in der Nähe von Villingen-Schwenningen. Im Online-Archiv des Geschichts- und Heimatvereins Villingen fand ich diesen recht ausführlichen und großzügig bebilderten Beitrag über Kleiser und seine Arbeit, verfasst von Hermann Colli. Unter den Bildhauern, die in der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Süddeutschland tätig waren bzw. sind, ist der in Urach geborene Wolfgang Kleiser gewiss einer der wenige, die nicht so bald in Vergessenheit geraten werden.

Wolfgang Kleiser bei seinen Stelen in Hammereisenbach
Foto: Kammerer/Schwarzwälder Bote 2012, Link zum Artikel

Dienstag, 20. November 2018

Eine Buch- oder Heftempfehlung zu Anton Sturm

Über den bedeutenden Bildhauer Anton Sturm (1690-1757), auf den ich mich in meinem verträumten, kaum frequentierten Winkel am Rande des digitalen Universums schon mehrfach bezogen habe (unten "Anton Sturm" anklicken), gibt es nur wenig Literatur. Um so dankbarer ist man als Sturm-Fan, zu dem ich mittlerweile geworden bin, für eine Publikation wie den von der Stadt Füssen herausgegebenen Katalog (Norbert Jocher, einer der Katalog-Autoren, nennt ihn ein "schüchterne[s] Begleitheft") zu einer Ausstellung, die 1990 unter dem Titel "Anton Sturm 1690-1757 - Bildhauer und Bürger in Füssen" im Museum der Stadt Füssen stattfand. Anlass war der dreihundertste Geburtstag des gebürtigen Tirolers. Zum Preis von 6,00 EUR (inklusive Versand) kann man das 85 Seiten umfassende Heft mit Schwarz-Weiß-Abbildungen und ins Detail gehenden informativen Texten (nicht zuletzt zu Sturms Leben) beim Kulturbüro der Stadt Füssen online bestellen.

Der bereits erwähnte Norbert Jocher schreibt darin: "1713/14 und vor allem 1716/17 taucht Sturm [...] völlig unvermittelt als weitgehend fertiger und ausgereifter Künstler auf." Die beiden ersten Skulpturen, die man Sturm zuordnen kann, sind aus weißem Marmor (schade, dass sie nicht aus Holz sind) und stehen in einer relativ abgelegenen Nische des Augsburger Doms, in der sich das Grabmal des Fürstbischofs Christoph von Freyberg befindet. Als für die gesamte Anlage verantwortlichen Baumeister nennt Jocher den Maler und Architekten Johann Jakob Herkomer. Im Internet wird dagegen dessen Neffe Johann Georg Fischer als Baumeister des bischöflichen Epitaphs genannt. In dessen Wikipedia-Eintrag heißt es: "Ab 1701 arbeitete Fischer als Steinmetz und Palier seines Onkels Johann Jakob Herkomer am Neubau des Füssener Klosters St. Mang. Ende 1706 kaufte er ein Haus in der Füssener Reichenstraße, 1707 heiratete er die Füssener Bäckerstochter Euphrosinia Stadler." Es wird also wohl J. G. Fischer gewesen sein, der Sturm nach Füssen geholt hat, wo er dann für die Benediktinerabtei Sankt Mang diverse Figuren in Marmor und Holz schuf, nebenbei im Juni 1721 mit 31 Jahren die Tochter des Oberamtmanns der hochgräflichen Fuggerschen Herrschaft in Boos bei Memmingen Maria Fellner heiratete und 9 Tage später für die stattliche Summe von 900 Gulden ein Haus kaufte, in welchem er fortan wohnte und arbeitete.

Grabmal des Fürstbischofs Christoph von Freyberg im Dom zu Augsburg
Justitia (rechts) und Fortitudo (links) vermutlich von Anton Sturm, 1713/14
Foto: Herbert Wittmann

Montag, 19. November 2018

Hans Thoma erfand Dekorationsmotive, Oskar Schill schnitt sie ins Holz

Eine Zeile im Karlsruher Adressbuch von 1891 besagt, dass in der Waldstraße 7 der Bildhauer Oskar Schill wohnte. Es wird wohl derselbe Oskar Schill gewesen sein, der nach Entwürfen das Malers Hans Thoma (1839-1924) insgesamt 31 Bild-Relief-Tafeln, soweit ich sehen kann aus Eichenholz, geschnitzt hat. Diese wunderbar gearbeiteten, relativ kleinformatigen Reliefs waren Teil des ikonographischen Begleitprogramms zu Hans Thomas Gemälde-Zyklus zum Leben Jesu Christi. An den allegorischen Motiven der Reliefs arbeitete Thoma ab dem Frühjahr 1909. Die Zeit drängte, denn im Oktober desselben Jahres sollte das Thoma-Museum in der Karlsruher Kunsthalle, für das die Bilder bestimmt waren, eröffnet werden. Wenn es schon für die Entwürfe kurz vor knapp war, so war die Zeit für deren Umsetzung in Holz noch knapper bemessen. In einem Brief an den Maler und Schriftsteller Momme Nissen vom 26.3.1909 schreibt Hans Thoma: "Einheit ist auch schon etwas, und das Erfinden solcher Dekorationsmotive macht mir jetzt Freude".









Holzreliefs von Oskar Schill nach Entwürfen von Hans Thoma, 1909, "Thoma-Kapelle" in der Karlsruher Kunsthalle
Alle Fotos: Lothar Rumold

Sonntag, 18. November 2018

Der Heilige Sebastian von Anton Sturm in Wolfegg

Von den Pfeilen, die ihn trafen, nicht beeindruckt zeigt sich dieser Heilige Sebastian von Anton Sturm (1690-1757) in der Pfarrkirche von Wolfegg im Landkreis Ravensburg. Die Erste-Hilfe-Bemühungen des Engels nimmt er mit mild-verhaltenem Lächeln entgegen als wollte er sagen: Sehr freundlich von Ihnen, aber machen Sie sich keine Umstände, denn wie Sie sehen, bin ich vollkommen im inneren und äußeren Gleichgewicht.


Anton Sturm: Hl. Sebastian, Holz, 1740 (Pfarrkirche von Wolfegg)
Foto: Herbert Wittmann
(um eine kleinere Ansicht zu bekommen, bitte ins Bild klicken)

Samstag, 17. November 2018

Badisches Landesmuseum 3: Marco Antonio Poggio

Bei meinem letzten Besuch des Badischen Landesmuseums im Karlsruher Schloss hoffte ich, im Anschluss an meine jüngsten spätbarocken Funde (die ich letztlich oder dem Ursprung nach alle Klaus Schwagers erstem Band über "Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Voralpengebiet", München 1955, zu verdanken habe) auf ein paar Rokoko-Schnitzereien zu stoßen. Daraus wurde allerdings nichts, denn seltsamerweise klafft an dieser Zeitstelle im Bestand des Museums eine Lücke, obwohl die Stadt Karlsruhe nach ihren Anfängen zu Beginn des 18. Jahrhunderts quasi ins Rokoko hineingewachsen ist.

Aber egal, was man sucht, irgendetwas findet man immer. Für dieses Mal waren es zwei Holzskulpturen des italienischen Holzbildhauers, pardon: scultore del legno, Marc' Antonio Poggio, über den im Internet erstaunlicherweise auf Anhieb so gut wie nichts zu finden gewesen ist. Wenn ich den italienischen Text, den ich dann doch noch entdeckte, richtig verstanden habe, dann wurde Marco Antonio Poggio irgendwann in Genua geboren und ist in den 1660er Jahren an den Folgen der Pest von 1656/57 in Spanien gestorben.

Die beiden Skulpturen sind rund 180 cm hoch (von mir geschätzt). Das Badische Landesmuseum hat ihnen diesen Text beigegeben:

"Marc' Antonio Poggio: Triton und Nereide, Genua, 1. Hälfte 17. Jhd., Kastanie und Pappel

Bei den Meeresgottheiten mit menschlichem Oberkörper und Fischschwanz handelt es sich um einen Triton und eine Nereide. Triton, Herr des Tritonischen Sees, ist Sohn des Poseidon und der Amphitrite. Im Gefolge von Poseidon oder Amphitrite dienten die Tritonen häufig als Reittiere der Nereiden.

Die 50 Töchter des Meergottes Nereus und der Doris heißen Nereiden und waren Meeresnymphen. Amphitrite, Galateia und Thetis sind die bedeutendsten unter ihnen. Sehr beliebt ist das Motiv der auf Seetieren reitenden Nereiden als Begleiterinnen von Gottheiten und Helden."















Alle Fotos: Lothar Rumold

Freitag, 16. November 2018

Holzschnitzer auf derselben Höhenlinie (ziemlich weit oben)

Den relativen Rang eines Bildhauers (genau genommen einer Bildhauer-Werkstatt) erkennt man nicht zuletzt daran, wer als Schöpfer eines seiner Werke bei nicht ganz so genauer Betrachtung noch infrage käme oder anders gesagt: wer ihm und wem er das Wasser reichen könnte. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass der Name eines Bildhauers, auch im 18. Jahrhundert noch, zugleich für dessen Werkstatt, also für die darin mit ihm tätigen und die aus ihr hervorgegangenen Bildschnitzer steht. Klaus Schwager hat dafür den offenbar wenig beachteten Begriff des Werkstattoeuvres geprägt, wovon hier bereits die Rede gewesen ist.

In ihrer 2005 an der TU-München vorgelegten Diplomarbeit (Studiengang Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft) über "Eine Kreuzigungsgruppe des 18. Jahrhunderts aus dem Münchner Stadtmuseum" geht Eva-Maria Hams u. a. der Frage der Urheberschaft des von ihr untersuchten Schnitzkunst-Werkes nach. Um es vorweg zu nehmen: letztendlich ist für sie Anton Sturm, der hier im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, der vermutliche Schöpfer der Kreuzigungsgruppe, wobei auch ein oder mehrere (unbekannte) Personen aus seinem Umfeld als Haupt- oder Mittäter infrage kämen.

Münchner Stadtmuseum, Kreuzigungsgruppe, Aufnahme um 1920
Foto aus Eva-Maria Hams' Diplomarbeit (2005)


Zunächst jedoch werden von Hams andere Bildschnitzer als Autoren in Betracht gezogen, als erster Joseph Maria Götz: "Götz (1696–1760) gab bereits 1742 seine Passauer Bildhauerwerkstatt auf und überließ sie seinem Meistergesellen Joseph Deutschmann.Götz begab sich in den Dienst der kurbayerischen Armee. Dort versuchte er sich über die Tätigkeit als Zeichner von Brücken und Kasernenbauten als Architekt zu etablieren. Das letzte gesicherte bildhauerische Werk ist der Hochaltar der Karmelitenkirche in Straubing (aufgerichtet 1742)" (S. 10) Und: "Götz bleibt in seinem Figurenstil dem Hochbarock verbunden. Der Stil seiner Ornamente wandelt sich nicht zum Rokoko und den damit verbundenen Formen." (S. 11)

Danach ist Johann Benedikt Witz aus dem fränkischen Raum an der Reihe: "Wesentlichen Anteil am Oeuvre des Würzburger Bildschnitzers Johann Benedikt Witz (1709–1780) haben Figurenkombinationen in vergleichbarer Dimension und Entstehungszeit. Witz arbeitete hauptsächlich für Klöster und bürgerliche Auftraggeber. Witz, der in seinem Werk ausschließlich biblische Szenen und Heiligenlegenden thematisiert, schuf bevorzugt Gruppen und Reliefs zum Opfertod Jesu." (S. 11)

Danach Ferdinand Tietz: "Der aus Böhmen stammende und hauptsächlich den fürstbischöflich-fränkischen Höfen verpflichtete Bildhauer Ferdinand Tietz (1708–1777) ist berühmt für seine Sandsteinarbeiten für die Ausstattung der Gärten von Schloss Seehof (1748–53) und Veitshöchheim (1763–68). Zu seinen frühen schnitzerischen Werken gehören die lebensgroßen Skulpturen des Hochaltars in Gaukönigshofen (1743, Lindenholz mit weiß-goldener Fassung), Petrus, Paulus, Hieronymus und Magdalena. Die ikonographisch unkonventionelle Kombination ist der Grund, warum das Augenmerk auf Tietz fiel." (S. 11)

Dann: "Ein bedeutender Vertreter des frühen Rokoko in Franken war Johann Wolfgang van der Auvera (1708–1756), der in Würzburg am Hofe des Fürstbischofs tätig war." (S. 12) Doch auch Auvera wird nach kurzer Prüfung als möglicher Schöpfer der Gruppe verworfen.

Schließlich fällt Hams' suchender Blick auch auf zwei Stars der Rokoko-Schnitzer-Szene: "Unter Beachtung der feinen, ornamentalen Schnitzereien am Sockel wurden der höfisch dominierte Münchner Kunstkreis und Beispiele aus Schwaben herangezogen. Der Münchner Kunstkreis wurde auch deshalb berücksichtigt, weil der Vorbesitzer der Kreuzigungsgruppe eine geraume Zeit in München ansässig war. Die in Frage kommenden Bildhauer sind Johann Baptist Straub (1704–1784) und dessen Schüler Franz Ignaz Günther (1725–1775). Charakteristisch für die Figurenauffassung von Straub und Günther sind die Vereinzelung und die raumgreifende Darstellung. Bestechend ist die feine, scharfe Faltenbildung. Unverwechselbar sind der konstante Gesichtstypus und die Durchformung des menschlichen Körpers der Figuren Ignaz Günthers und seine 'Begabung, stoffliche Qualitäten zu charakterisieren, dann eine meisterhafte Beherrschung in der Wiedergabe anatomischer Details und schließlich eine wesentlich gesteigerte Fähigkeit, seinen Gestalten einen psychisch motivierten Ausdruck mitzugeben, wie er in dieser Intensität bei keinem anderen Bildhauer in dieser Zeit anzutreffen ist'."

Und zuletzt noch: "Im oberschwäbischen Kunstkreis galt die Beachtung zunächst dem Werk von Johann Joseph Christian (1706–1777). Einem Hinweis Edmund Melzls, Restaurator a. D. am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, folgend, wurden Arbeiten des Riedlinger Bildhauers mit der Kreuzigungsgruppe verglichen. Johann Joseph Christians bildhauerische Tätigkeit und die seiner Gehilfen erstreckt sich auf die Ausstattung verschiedener Pfarrkirchen (u. a. in Riedlingen, Meßkirch, Bregenz) und die Mitarbeit in mehreren Klöster (u. a. Ottobeuren, Zwiefalten, Wiblingen)." (S. 13)

Was Hams endlich "zur Hypothese, die Kreuzigungsgruppe in seinem [Anton Sturms, L. R.] Umkreis bzw. in seiner Nachfolge anzusiedeln" führt, kann man hier auf Seite 13 nachlesen.

P. S.: Dass Pfaffenhütchen-Holz (welches neben Linden-, Birnen-, Holunder- und Eschenholz als Material der Kreuzigungsgruppe anzutreffen ist) zum Schnitzen von Figuren verwendet wurde, ja dass es dieses Gehölz überhaupt gibt, weiß ich erst wirklich seit ich in Hams' Diplomarbeit hineingelesen habe. Hier ein ebenso kurzes wie lehrreiches Youtube-Video zum Pfaffenhütchen, das u. a. auch Spindelstrauch genannt wird, weil man aus dem harten Holz des bis zu vier Meter hohen Strauchs einmal Spindeln gedrechselt hat. Überhaupt enthält die Diplomarbeit der Restauratorin viele interessante Details über die material-technische Seite der Holzbildhauerei.

Mittwoch, 14. November 2018

Von Faggen nach Füssen: Anton Sturm


Einen deutschen Kaiser in voller Rüstung und zugleich in jener leicht lasziven Haltung, die man von den spätbarocken Heiligen durchaus gewöhnt ist, dargestellt zu sehen, hat mich, ich gestehe es, überrascht. Der 1690 in einem tiroler Weiler geborene Anton Sturm scheute sich in den 1720er Jahren nicht, das Repräsentationsbedürfnis, welchem mit 16 überlebensgroßen Habsburger Kaisern Genüge getan werden sollte, mit einer ins Ironische spielenden Rokoko-Grazie der figürlichen Geste zu kombinieren bzw. zu konterkarieren. War er sich dessen bewusst oder folgte er einfach nur der Mode seiner Zeit?

So oder so: dass Anton Sturm einer der ganz Großen war und ist, steht außer Frage. Aus dem, man wird wohl so sagen dürfen, Kuhdorf Faggen am Inn führte ihn sein Weg hinauf nach Donauwörth (1705 bis 1709 Lehre beim gleichfalls aus Tirol stammenden Paul Tschiderer) und von dort wieder zurück bis Füssen, wo er 1721 heiratete und 1757 starb. In der heutigen Brunnengasse 18 besaß Sturm ein Haus, in dem er mit seiner Frau und seinen sechs Kindern wohnte und arbeitete. Noch heute bezeugt ein von ihm geschaffenes Sandsteinrelief seine Anwesenheit vor nun bald 300 Jahren.


Anton Sturm: Relief am Sturm-Haus, 1724, Sandstein
Foto: Herbert Wittmann

Schon bevor dem Mittdreißiger der Auftrag erteilt wurde, für die Benediktinerabtei Ottobeuren 16 überlebensgroße Standbilder von Habsburger Kaisern in Holz zu schnitzen, waren ihm wichtige und einträgliche (Sturm war teuer) Arbeiten übertragen worden. Zwischen 1717 und 1722 hatte er insgesamt acht monumentale Figuren aus südtiroler (Laaser) Marmor für den Neubau der Klosterkirche St. Mang in Füssen geschaffen. Gleichfalls in St. Mang (alpenländisch-volkstümliche Kurzform für St. Magnus) befindet sich diese offensichtlich in Holz gearbeitete Figur von Anton Sturm. Laut Angabe des Fotografen Herbert Wittmann (Wikimedia Commons) handelt es sich um eine Darstellung des Heiligen Magnus - also um einen St. Mang in St. Mang. Warum der Schutzpatron gegen Mäuse, Raupen, Schlangen, Ungeziefer und andere sogenannte Schädlinge eine brennende Kugel in die Höhe hält (oder ist es ein madiger Apfel?), konnte ich nicht herausfinden, für gewöhnlich wird der Heilige Magnus von Füssen mit seinem Wunder bewirkenden Reisestab dargestellt:


Anton Sturm: Heiliger Magnus in Kloster St. Mang, Füssen
Foto: Herbert Wittmann
(Zur Verkleinerung bitte ins Bild klicken.)

In Richtung Sturm drängte es mich, nachdem ich in Klaus Schwagers hier schon häufig erwähntem Buch über die Bildhauerwerkstätten im schwäbischen Voralpengebiet (München 1955) im Zusammenhang mit Jakob Ruez, bei dem Schwager Sturm-Spuren nachweisen zu können glaubt, auf den Füssener Bildhauer (für den die Bezeichnung Holzbildhauer eine unzulässige Reduktion bedeuten würde) aufmerksam geworden war. Schwager schreibt über Anton Sturm (dem er noch einen "Josef" voranstellt):

"Schon eine Arbeit dieses Meisters aus dem Jahre 1727, die hl. Barbaba in Buxheim, zeigt, wie frühzeitig dieser Künstler, zunächst noch unter der Decke eines von der üppigen hochbarocken Gewandfigur abgeleiteten Stils, zu einer aus dem gegensätzlichen Aufbau plastischer Massen entwickelten neuen Bewegtheit der Form vorgestoßen ist, die sich von der gerichteten Körperbewegung hochbarocker Heiliger sehr deutlich unterscheidet. Sturm vertritt hier neben J. A. Feuchtmayer in Schwaben die Spitze der Entwicklung". Auch von einer "bis zur unnatürlich harten Brechung der Hauptachse reichenden Lockerung des plastischen Gefüges der Gesalt" (unter Hinweis auf die Heiligenfiguren in St. Mang, zu denen auch der oben abgebildete Heilige Magnus gehört) ist bei Schwager die Rede.

Montag, 12. November 2018

Schmitt-Rottluffs Brückenschlag zur Holzbildhauerei

Karl Schmidt, der sich ab 1905 Schmidt-Rottluff nannte (er war 1884 in Rottluff bei Chemnitz geboren worden), gehört zu den vielen, die es in der Ära der Kunstakademien auch ohne Kunststudium zu Rang und Namen gebracht haben. Nach ein paar Semestern Architektur in Dresden verlegte er sich beinahe ganz auf die Malerei. Beinahe deshalb, weil er während des Ersten Weltkriegs unter dem Eindruck afrikanischer Skulpturen und Masken ein Dutzend hölzerne Köpfe schuf. Hier ist einer der Köpfe, die ihre Existenz Schmidt-Rottluffs kurzem Tête-à-Tête mit der Holzbildhauerei verdanken:


Karl Schmidt-Rottluff: Kopf, 1917, Pappel, H 34,5 cm
Foto aus: Gert von der Osten: Plastik des 20. Jahrhunderts, Königstein im Taunus 1962

Sonntag, 11. November 2018

Ruez, Ruß, Russ, Ruess, Ruoss

So geht es einem im Internet: Man sucht etwas von (dem im letzten Beitrag erwähnten) Jakob Ruez und stößt dabei auf Jakob Ruß, Russ, Ruess oder Ruoss, den "Schnitzer der köstlichen, drastischen Figuren im Überlinger Rathaussaal und des glanzvollen Hochaltars im Dom von Chur", wie er in der "Geschichte der deutschen Plastik" von Feulner und Müller (München 1953) gewissermaßen mit vollem Namen Erwähnung findet, leider ohne eine einzige Abbildung. Bei Wikipedia, wo man sich für Russ als Schreibweise entschieden hat, lese ich, dass ein "Jacob Ruß, bildhower" 1482 in einer Steuerliste als Bürger der Reichsstadt Ravensburg auftaucht. Sein Geburtsjahr demzufolge mit "vor 1482" anzugeben, ist daher kein großes Wagnis. Es steht zu vermuten, dass Ruß irgendwann um die Jahrhundertmitte geboren worden und Anfang des 16. Jahrhunderts gestorben ist. Dass Ruß oder Russ wahrscheinlich zeitlebens als Ravensburger Bürger galt, sagt über den Ort, an dem er lebte und arbeitete, wenig bis gar nichts aus. Um den oben hervorgehobenen Überlinger Auftrag auszuführen, zog er natürlich nach Überlingen (alternativ dazu: jeden Tag hin und zurück 90 Kilometer zu Fuß oder zu Pferd), um die Figuren des Churer Hochaltars zu schnitzen, ins 140 Kilometer südlich von Ravensburg gelegene Chur. Dort befindet sich noch heute eine Frauen-Statue, in der man wahlweise die Heilige Jungfrau oder die Heilige Barbara erkennen kann. Sie stammt entweder von Jakob Russ selbst oder aus seiner Werkstatt.


Jakob Russ: Heilige Jungfrau oder Barbara, um 1485, Linde, H 97 cm
Foto: Andreas Praefcke
Um eine kleinere Ansicht zu bekommen, bitte ins Bild klicken.

Freitag, 9. November 2018

Gottvater zum dritten und gewiss nicht zum letzten Mal

Ich habe es ja längst eingesehen: Meine leichtfertige Behauptung (die ich hier aufgestellt habe), "in Holz geschnittene Porträts des Schöpfers, der den Menschen als eine Art Selbstporträt geschaffen hat", sehe man nur selten, war eine voreilige. Und mindestens zur Hälfte habe ich sie bereits gestern zurückgenommen. Heute tue ich ein übriges und veröffentliche einen weiteren Beleg für meinen Irrtum. Es würde mich nicht wundern, wenn daraus unter dem Stichwort "Gottvater" eine regelrechte Serie von Gegendarstellungen würde:


Jakob Ruez: Gottvater, 1760er Jahre, Kerker-Christi-Altar in der Spitalkirche in Wangen, H 60 cm
Foto aus: Klaus Schwager: Bildhauerwerkstätten usw., Teil 1, Tübingen 1955

Der Kerker-Christi-Altar in der Wangener Spitalkirche ist, so lese ich in Klaus Schwagers mir unverzichtbar gewordenem Leitfaden über "Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Voralpengebiet" (erschienen 1955 in Tübingen), "um eine vergitterte Nische mit der Figur Christi herumgebaut". Schwager weiter: "Seine halb architektonische, halb ornamentale Gestalt bezeugt auch materialmäßig in der Mischung von Holz und Stuck einmal handgreiflich zwei der sonst nur urkundlich überlieferten Seiten von Jakob Ruez' Kunstübung." An der Gottvater-Darstellung fiel dem Tübinger Kunsthistoriker (1925-2016) das "locker fließende Gewand" und die "zurückhaltend wirkende, mahnend-sorgende Gebärde" auf.

P. S.: Johann Jakob Willibald Ruez (1728-1782) war ein Sohn des Wurzacher Holzbildhauers Johann Ruez (Klaus Schwager nennt ihn seiner Herkunft wegen den "Tiroler"), der hier schon des öfteren erwähnt wurde (man findet die Beiträge, indem man in der Stichwortliste den Namen Johann Ruez anklickt).

Neues Video von Simeon Decker alias Mr. Schnitz

Vor sechs Wochen habe ich hier etwas über den in Berlin lebenden Holzbildhauer Simeon Decker, der sich selbst "Mr. Schnitz" nennt, geschrieben und eines seiner (schon etwas älteren) Videos präsentiert. Jetzt gibt es von und mit ihm ein neues Zwölfeinhalb-Minuten-Filmchen, in dem er zeigt und erklärt, wie man mit zwei, drei Hohleisen ein kleines Gesicht schnitzen kann.

Donnerstag, 8. November 2018

Nachtrag zu Thomas Schwanthaler

Sozusagen naturgemäß sind viele, wenn nicht sogar alle Beiträge in diesem (und nicht nur in diesem) Blog Nachträge zu Nachträgen. Heute nun explizit einer zu Thomas Schwanthaler (1634-1707), dem großen bayerisch-österreichischen Bildschnitzer des Barock, der hier bereits kurz Erwähnung gefunden hat. Mit einem Fragezeichen hinter Schwanthalers Namen fand ich in einem 1953 in München erschienenen Band über die "Geschichte der deutschen Plastik" eine Schwarz-Weiß-Abbildung von einer Skulptur, deren Schöpfer man, wie immer er geheißen haben mag, unbedingt einen Großen wird nennen wollen. Die im Bild festgehaltene Szene wird in Lukas 11, 39-45 folgendermaßen geschildert: "Und er ging hinaus nach seiner Gewohnheit an den Ölberg. Es folgten ihm aber seine Jünger nach an den Ort. Und als er dahin kam, sprach er zu ihnen: Betet, auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet! Und er riß sich von ihnen einen Steinwurf weit und kniete nieder, betete und sprach: Vater, willst du, so nehme diesen Kelch von mir, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und es kam, daß er mit dem Tode rang und betete heftiger. Es ward aber sein Schweiß wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde. Und er stand auf von dem Gebet und kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafen vor Traurigkeit und sprach zu ihnen: Was schlafet ihr? Stehet auf und betet, auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet!"

Thomas Schwanthaler (?): Jesus am Ölberg, Pfarrkirche in Ried im Innkreis, Foto: E. Schwenk, Wien

Der zweite Nachtrag betrifft Schwanthaler nur indirekt. Seit ich in diesem Beitrag, in dem es um eine Gottvater-Darstellung aus der Schwanthaler-Werkstatt geht, behauptet habe, auf solche geschnitzten Bilder des Ersten Selbstporträtisten treffe man relativ selten, begegnen sie mir beinahe täglich. Hier ein Beispiel für so eine Begegnung der klarstellenden Art:

Unbekannter Meister der sog. Donauschule: Gottvater, Altar von Mauer bei Melk, um 1515
Foto: Bayerisches Nationalmuseum München


Dienstag, 6. November 2018

Der Holzbildhauer ist ein Typus der Vormoderne

Der Handwerker von heute trägt schicke Funktionskleidung und kauft für Hunderte, ja Tausende von Euro die technologisch fortgeschrittensten Maschinen und andere Werkzeuge, die gerade neu im Angebot sind, wobei ich mit Angebot nicht das sogenannte Sonderangebot meine. Das wurde mir einmal mehr deutlich, als ich gestern in einem der einschlägigen Handwerker-Fachgeschäfte (ich rede nicht von einem sogenannten Baumarkt) eine Viertelstunde lang warten musste, weil vor mir zwei Kunden ihren Monatsbedarf an Handwerker-Hardware (in die wahrscheinlich auch allerhand Software integriert ist) deckten. Mein neu gefasster Entschluss, der handwerklichen Seite meines Berufs verstärkt Beachtung zu schenken und dafür allem "Künstlerischen", das sich mittlerweile ins Holzbildhauer-Handwerk eingeschlichen hat, mit Argwohn zu begegnen, zeigte sich mir in diesem Viertelstündchen unter dem Aspekt der Werkzeugverwendung  als Entscheidung für einen technischen Apparat, der, von der anscheinend unverzichtbar gewordenen Kettensäge einmal abgesehen, eher ins Museum als in die Welt von Angebot und Nachfrage gehört. Technologisch gesehen ist und bleibt der Holzbildhauer ein Phänomen des 15. bis 18. Jahrhunderts. Dass mein ästhetisches Interesse neuerdings damit korrespondiert, mag erstens Zufall und zweitens eine vorübergehende Laune sein.

P. S.: Unter diesem Aspekt wird Stephan Balkenhols Entscheidung für die Verwendung von geraden Schnitzeisen verständlich als Absage an schneidetechnische Möglichkeiten, die vor drei bis fünfhundert Jahren als avanciert gelten konnten und eben darum heute als überholt anzusehen sind. Wenn Balkenhol sich handwerklich asketisch oder minimalistisch oder reduktionistisch gibt, heißt das vor allem: Ihr seht ja wohl, dass ich kein Schnitzer bin, sonst wäre ich nämlich im falschen Jahrhundert geboren worden.

P. P. S.: Ich habe kein Problem mit der Verwendung eines Schnitzeisen-Bestecks, das "heute als überholt anzusehen" ist, wie ich oben geschrieben habe. Auch stellen sich bei mir keine ästheto-allergischen Reaktionen ein, wenn ich eine offensichtlich mit dem Hohleisen bearbeitete Holzfläche sehe (ein kettensägender Holzbildhauer-Kollege sagte mir einmal, er könne diesen Kachelschnitt nicht mehr sehen). In Zeiten, in denen der kaum noch kontrollierbare Sturz nach vorne mehr Probleme aufwirft, als man im Stürzen lösen kann, halte ich gerne und erst recht am angeblich Überholten fest.

Skulptur von Stephan Balkenhol im Eingangsbereich der Handwerkskammer Karlsruhe.
Deutlich erkennbar ist die ausschließliche Verwendung eines 1er-Eisens (gerade Schneide)
zumindest für die abschließende Bearbeitung der Oberfläche.


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