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Es werden Posts vom November, 2018 angezeigt.

Eine Buch- oder Heftempfehlung zu Anton Sturm

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Über den bedeutenden Bildhauer Anton Sturm (1690-1757), auf den ich mich in meinem verträumten, kaum frequentierten Winkel am Rande des digitalen Universums schon mehrfach bezogen habe (unten "Anton Sturm" anklicken), gibt es nur wenig Literatur. Um so dankbarer ist man als Sturm-Fan, zu dem ich mittlerweile geworden bin, für eine Publikation wie den von der Stadt Füssen herausgegebenen Katalog (Norbert Jocher, einer der Katalog-Autoren, nennt ihn ein "schüchterne[s] Begleitheft") zu einer Ausstellung, die 1990 unter dem Titel "Anton Sturm 1690-1757 - Bildhauer und Bürger in Füssen" im Museum der Stadt Füssen stattfand. Anlass war der dreihundertste Geburtstag des gebürtigen Tirolers. Zum Preis von 6,00 EUR (inklusive Versandt) kann man das 85 Seiten umfassende Heft mit Schwarz-Weiß-Abbildungen und ins Detail gehenden informativen Texten (nicht zuletzt zu Sturms Leben) beim Kulturbüro der Stadt Füssen online bestellen.
Der bereits erwähnte Norbert Jocher…

Hans Thoma erfand Dekorationsmotive, Oskar Schill schnitt sie ins Holz

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Eine Zeile im Karlsruher Adressbuch von 1891 besagt, dass in der Waldstraße 7 der Bildhauer Oskar Schill wohnte. Es wird wohl derselbe Oskar Schill gewesen sein, der nach Entwürfen das Malers Hans Thoma (1839-1924) insgesamt 31 Bild-Relief-Tafeln, soweit ich sehen kann aus Eichenholz, geschnitzt hat. Diese wunderbar gearbeiteten, relativ kleinformatigen Reliefs waren Teil des ikonographischen Begleitprogramms zu Hans Thomas Gemälde-Zyklus zum Leben Jesu Christi. An den allegorischen Motiven der Reliefs arbeitete Thoma ab dem Frühjahr 1909. Die Zeit drängte, denn im Oktober desselben Jahres sollte das Thoma-Museum in der Karlsruher Kunsthalle, für das die Bilder bestimmt waren, eröffnet werden. Wenn es schon für die Entwürfe kurz vor knapp war, so war die Zeit für deren Umsetzung in Holz noch knapper bemessen. In einem Brief an den Maler und Schriftsteller Momme Nissen vom 26.3.1909 schreibt Hans Thoma: "Einheit ist auch schon etwas, und das Erfinden solcher Dekorationsmotive mac…

Der Heilige Sebastian von Anton Sturm in Wolfegg

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Von den Pfeilen, die ihn trafen, nicht beeindruckt zeigt sich dieser Heilige Sebastian von Anton Sturm (1690-1757) in der Pfarrkirche von Wolfegg im Landkreis Ravensburg. Die Erste-Hilfe-Bemühungen des Engels nimmt er mit mild-verhaltenem Lächeln entgegen als wollte er sagen: Sehr freundlich von Ihnen, aber machen Sie sich keine Umstände, denn wie Sie sehen, bin ich vollkommen im inneren und äußeren Gleichgewicht.


Badisches Landesmuseum 3: Marco Antonio Poggio

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Bei meinem letzten Besuch des Badischen Landesmuseums im Karlsruher Schloss hoffte ich, im Anschluss an meine jüngsten spätbarocken Funde (die ich letztlich oder dem Ursprung nach alle Klaus Schwagers erstem Band über "Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Voralpengebiet", München 1955, zu verdanken habe) auf ein paar Rokoko-Schnitzereien zu stoßen. Daraus wurde allerdings nichts, denn seltsamerweise klafft an dieser Zeitstelle im Bestand des Museums eine Lücke, obwohl die Stadt Karlsruhe nach ihren Anfängen zu Beginn des 18. Jahrhunderts quasi ins Rokoko hineingewachsen ist.
Aber egal, was man sucht, irgendetwas findet man immer. Für dieses Mal waren es zwei Holzskulpturen des italienischen Holzbildhauers, pardon: scultore del legno, Marc' Antonio Poggio, über den im Internet erstaunlicherweise auf Anhieb so gut wie nichts zu finden gewesen ist. Wenn ich den italienischen Text, den ich dann doch noch entdeckte, richtig verstanden habe, dann …

Holzschnitzer auf derselben Höhenlinie (ziemlich weit oben)

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Den relativen Rang eines Bildhauers (genau genommen einer Bildhauer-Werkstatt) erkennt man nicht zuletzt daran, wer als Schöpfer eines seiner Werke bei nicht ganz so genauer Betrachtung noch infrage käme oder anders gesagt: wer ihm und wem er das Wasser reichen könnte. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass der Name eines Bildhauers, auch im 18. Jahrhundert noch, zugleich für dessen Werkstatt, also für die darin mit ihm tätigen und die aus ihr hervorgegangenen Bildschnitzer steht. Klaus Schwager hat dafür den offenbar wenig beachteten Begriff des Werkstattoeuvres geprägt, wovon hier bereits die Rede gewesen ist.
In ihrer 2005 an der TU-München vorgelegten Diplomarbeit (Studiengang Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft) über "Eine Kreuzigungsgruppe des 18. Jahrhunderts aus dem Münchner Stadtmuseum" geht Eva-Maria Hams u. a. der Frage der Urheberschaft des von ihr untersuchten Schnitzkunst-Werkes nach. Um es vorweg zu nehmen: letztendlich ist fü…

Anton Sturm: Unter der Kanzel drängen sich die Engel

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Von Faggen nach Füssen: Anton Sturm

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Einen deutschen Kaiser in voller Rüstung und zugleich in jener leicht lasziven Haltung, die man von den spätbarocken Heiligen durchaus gewöhnt ist, dargestellt zu sehen, hat mich, ich gestehe es, überrascht. Der 1690 in einem tiroler Weiler geborene Anton Sturm scheute sich in den 1720er Jahren nicht, das Repräsentationsbedürfnis, welchem mit 16 überlebensgroßen Habsburger Kaisern Genüge getan werden sollte, mit einer ins Ironische spielenden Rokoko-Grazie der figürlichen Geste zu kombinieren bzw. zu konterkarieren. War er sich dessen bewusst oder folgte er einfach nur der Mode seiner Zeit?

So oder so: dass Anton Sturm einer der ganz Großen war und ist, steht außer Frage. Aus dem, man wird wohl so sagen dürfen, Kuhdorf Faggen am Inn führte ihn sein Weg hinauf nach Donauwörth (1705 bis 1709 Lehre beim gleichfalls aus Tirol stammenden Paul Tschiderer) und von dort wieder zurück bis Füssen, wo er 1721 heiratete und 1757 starb. In der heutigen Brunnengasse 18 besaß Sturm ein Haus, in de…

Schmitt-Rottluffs Brückenschlag zur Holzbildhauerei

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Karl Schmidt, der sich ab 1905 Schmidt-Rottluff nannte (er war 1884 in Rottluff bei Chemnitz geboren worden), gehört zu den vielen, die es in der Ära der Kunstakademien auch ohne Kunststudium zu Rang und Namen gebracht haben. Nach ein paar Semestern Architektur in Dresden verlegte er sich beinahe ganz auf die Malerei. Beinahe deshalb, weil er während des Ersten Weltkriegs unter dem Eindruck afrikanischer Skulpturen und Masken ein Dutzend hölzerne Köpfe schuf. Hier ist einer der Köpfe, die ihre Existenz Schmidt-Rottluffs kurzem Tête-à-Tête mit der Holzbildhauerei verdanken:


Ruez, Ruß, Russ, Ruess, Ruoss

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So geht es einem im Internet: Man sucht etwas von (dem im letzten Beitrag erwähnten) Jakob Ruez und stößt dabei auf Jakob Ruß, Russ, Ruess oder Ruoss, den "Schnitzer der köstlichen, drastischen Figuren im Überlinger Rathaussaal und des glanzvollen Hochaltars im Dom von Chur", wie er in der "Geschichte der deutschen Plastik" von Feulner und Müller (München 1953) gewissermaßen mit vollem Namen Erwähnung findet, leider ohne eine einzige Abbildung. Bei Wikipedia, wo man sich für Russ als Schreibweise entschieden hat, lese ich, dass ein "Jacob Ruß, bildhower" 1482 in einer Steuerliste als Bürger der Reichsstadt Ravensburg auftaucht. Sein Geburtsjahr demzufolge mit "vor 1482" anzugeben, ist daher kein großes Wagnis. Es steht zu vermuten, dass Ruß irgendwann um die Jahrhundertmitte geboren worden und Anfang des 16. Jahrhunderts gestorben ist. Dass Ruß oder Russ wahrscheinlich zeitlebens als Ravensburger Bürger galt, sagt über den Ort, an dem er lebte …

Gottvater zum dritten und gewiss nicht zum letzten Mal

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Ich habe es ja längst eingesehen: Meine leichtfertige Behauptung (die ich hier aufgestellt habe), "in Holz geschnittene Porträts des Schöpfers, der den Menschen als eine Art Selbstporträt geschaffen hat", sehe man nur selten, war eine voreilige. Und mindestens zur Hälfte habe ich sie bereits gestern zurückgenommen. Heute tue ich ein übriges und veröffentliche einen weiteren Beleg für meinen Irrtum. Es würde mich nicht wundern, wenn daraus unter dem Stichwort "Gottvater" eine regelrechte Serie von Gegendarstellungen würde:



Der Kerker-Christi-Altar in der Wangener Spitalkirche ist, so lese ich in Klaus Schwagers mir unverzichtbar gewordenem Leitfaden über "Bildhauerwerkstätten des achtzehnten Jahrhunderts im schwäbischen Voralpengebiet" (erschienen 1955 in Tübingen), "um eine vergitterte Nische mit der Figur Christi herumgebaut". Schwager weiter: "Seine halb architektonische, halb ornamentale Gestalt bezeugt auch materialmäßig in der Mischun…

Neues Video von Simeon Decker alias Mr. Schnitz

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Vor sechs Wochen habe ich hier etwas über den in Berlin lebenden Holzbildhauer Simeon Decker, der sich selbst "Mr. Schnitz" nennt, geschrieben und eines seiner (schon etwas älteren) Videos präsentiert. Jetzt gibt es von und mit ihm ein neues Zwölfeinhalb-Minuten-Filmchen, in dem er zeigt und erklärt, wie man mit zwei, drei Hohleisen ein kleines Gesicht schnitzen kann.

Nachtrag zu Thomas Schwanthaler

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Sozusagen naturgemäß sind viele, wenn nicht sogar alle Beiträge in diesem (und nicht nur in diesem) Blog Nachträge zu Nachträgen. Heute nun explizit einer zu Thomas Schwanthaler (1634-1707), dem großen bayerisch-österreichischen Bildschnitzer des Barock, der hier bereits kurz Erwähnung gefunden hat. Mit einem Fragezeichen hinter Schwanthalers Namen fand ich in einem 1953 in München erschienenen Band über die "Geschichte der deutschen Plastik" eine Schwarz-Weiß-Abbildung von einer Skulptur, deren Schöpfer man, wie immer er geheißen haben mag, unbedingt einen Großen wird nennen wollen. Die im Bild festgehaltene Szene wird in Lukas 11, 39-45 folgendermaßen geschildert: "Und er ging hinaus nach seiner Gewohnheit an den Ölberg. Es folgten ihm aber seine Jünger nach an den Ort. Und als er dahin kam, sprach er zu ihnen: Betet, auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet! Und er riß sich von ihnen einen Steinwurf weit und kniete nieder, betete und sprach: Vater, willst du, so nehme…

Der Holzbildhauer ist ein Typus der Vormoderne

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Der Handwerker von heute trägt schicke Funktionskleidung und kauft für Hunderte, ja Tausende von Euro die technologisch fortgeschrittensten Maschinen und andere Werkzeuge, die gerade neu im Angebot sind, wobei ich mit Angebot nicht das sogenannte Sonderangebot meine. Das wurde mir einmal mehr deutlich, als ich gestern in einem der einschlägigen Handwerker-Fachgeschäfte (ich rede nicht von einem sogenannten Baumarkt) eine Viertelstunde lang warten musste, weil vor mir zwei Kunden ihren Monatsbedarf an Handwerker-Hardware (in die wahrscheinlich auch allerhand Software integriert ist) deckten. Mein neu gefasster Entschluss, der handwerklichen Seite meines Berufs verstärkt Beachtung zu schenken und dafür allem "Künstlerischen", das sich mittlerweile ins Holzbildhauer-Handwerk eingeschlichen hat, mit Argwohn zu begegnen, zeigte sich mir in diesem Viertelstündchen unter dem Aspekt der Werkzeugverwendung  als Entscheidung für einen technischen Apparat, der, von der anscheinend unv…