Der Holzbildhauer ist ein Typus der Vormoderne

Der Handwerker von heute trägt schicke Funktionskleidung und kauft für Hunderte, ja Tausende von Euro die technologisch fortgeschrittensten Maschinen und andere Werkzeuge, die gerade neu im Angebot sind, wobei ich mit Angebot nicht das sogenannte Sonderangebot meine. Das wurde mir einmal mehr deutlich, als ich gestern in einem der einschlägigen Handwerker-Fachgeschäfte (ich rede nicht von einem sogenannten Baumarkt) eine Viertelstunde lang warten musste, weil vor mir zwei Kunden ihren Monatsbedarf an Handwerker-Hardware (in die wahrscheinlich auch allerhand Software integriert ist) deckten. Mein neu gefasster Entschluss, der handwerklichen Seite meines Berufs verstärkt Beachtung zu schenken und dafür allem "Künstlerischen", das sich mittlerweile ins Holzbildhauer-Handwerk eingeschlichen hat, mit Argwohn zu begegnen, zeigte sich mir in diesem Viertelstündchen unter dem Aspekt der Werkzeugverwendung  als Entscheidung für einen technischen Apparat, der, von der anscheinend unverzichtbar gewordenen Kettensäge einmal abgesehen, eher ins Museum als in die Welt von Angebot und Nachfrage gehört. Technologisch gesehen ist und bleibt der Holzbildhauer ein Phänomen des 15. bis 18. Jahrhunderts. Dass mein ästhetisches Interesse neuerdings damit korrespondiert, mag erstens Zufall und zweitens eine vorübergehende Laune sein.

P. S.: Unter diesem Aspekt wird Stephan Balkenhols Entscheidung für die Verwendung von geraden Schnitzeisen verständlich als Absage an schneidetechnische Möglichkeiten, die vor drei bis fünfhundert Jahren als avanciert gelten konnten und eben darum heute als überholt anzusehen sind. Wenn Balkenhol sich handwerklich asketisch oder minimalistisch oder reduktionistisch gibt, heißt das vor allem: Ihr seht ja wohl, dass ich kein Schnitzer bin, sonst wäre ich nämlich im falschen Jahrhundert geboren worden.

P. P. S.: Ich habe kein Problem mit der Verwendung eines Schnitzeisen-Bestecks, das "heute als überholt anzusehen" ist, wie ich oben geschrieben habe. Auch stellen sich bei mir keine ästheto-allergischen Reaktionen ein, wenn ich eine offensichtlich mit dem Hohleisen bearbeitete Holzfläche sehe (ein kettensägender Holzbildhauer-Kollege sagte mir einmal, er könne diesen Kachelschnitt nicht mehr sehen). In Zeiten, in denen der kaum noch kontrollierbare Sturz nach vorne mehr Probleme aufwirft, als man im Stürzen lösen kann, halte ich gerne und erst recht am angeblich Überholten fest.

Skulptur von Stephan Balkenhol im Eingangsbereich der Handwerkskammer Karlsruhe.
Deutlich erkennbar ist die ausschließliche Verwendung eines 1er-Eisens (gerade Schneide)
zumindest für die abschließende Bearbeitung der Oberfläche.


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