Donnerstag, 17. Januar 2019

Die Kanzel im Konstanzer Münster und die Geschichte einer Verwechslung

Im Laienraum (also dort wo Leute wie du und ich hingehören) an der Nordseite des Langhauses des Konstanzer Münsters befindet sich eine von einem St. Gallener Schreiner 1680 aus Nussbaum angefertigte Kanzel. Die Bild-Reliefs und die dekorativen Elemente sind in Linde geschnitzt und gleichfalls aus Lindenholz soll der die Kanzel heute wieder auf dem Kopf balancierende Urvater Abraham samt Widder sein.

Warum "heute wieder"? Weil dieser Abraham seit 1680 einiges über sich hat ergehen lassen müssen. Zur Welt hinzu gekommen in der Zeit der Gegenreformation, ließ man ihn einige Jahrzehnte lang unbehelligt sein Päckchen tragen. Bis der Konstanzer Plebs, und vielleicht nicht nur dieser, vergaß, wen man da vor sich hatte und ihn, Gott weiß, warum, für den bereits 1415 während eines Konstanzer Konzils auf dem Scheiterhaufen als Ketzer verbrannten Jan Hus hielt. Statt den Kanzelträger als christlichen Urahn wiederzuerkennen, sah man in ihm nicht mehr als eine "elende hölzerne Mannsfigur, die so monstreus und unförmlich gemacht ist, als möglich." Das konnte offenbar nur Jan Hus sein. Was dann geschah, schildert der eben schon zitierte Karlsruher Professor für Naturgeschichte und Beredsamkeit (er starb schon mit knapp 28 Jahren) so:
"Der gemeine niedrige Pöbel sieht das Unbild für Hussens Figur an, schlägt ihm eiserne Schuhnägel in den Kopf, in die Augen, in die Brust, und speit voll heiligen Eifers die Aftergeburt des rasenden Unsinns an."
Der Irrtum wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts erkannt. Gewissermaßen im Zuge seiner Rehabilitation zeigte man den Mann mit dem Widder 1830 in einer Ausstellung über das Konstanzer Konzil (ohne Kanzel, versteht sich), danach verschwand er allerdings im Archiv. Erst seit 1986 steht er wieder an dem Ort, den er niemals hätte verlassen dürfen.


Abrahams Kopf, gezeichnet von Schlägen,
die eigentlich Jan Hus galten.




Der Heilige Konrad auf dem Schalldeckel stammt aus der Werkstatt von Christoph Daniel Schenck.

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