Montag, 7. Januar 2019

Drei (oder vier) Mondsichel-Madonnen: Meersburg, Überlingen, Heberndorf (Provence)

Grabstele aus Eichenholz auf dem Meersburger Friedhof, 1950er oder 1960er Jahre.

Eine schöne Variante der Madonna mit dem Jesuskind auf der Mondsichel begegnete mir vorgestern auf dem Meersburger Friedhof. Es hatte stark zu schneien begonnen (man sieht die Schneeflocken als weiße Striche im Bild), aber ich wollte mich dadurch von einem Gang über den Friedhof nicht abhalten lassen, auch wenn ich keinen Regen- bzw. Schneeschirm dabei hatte. Gibt es im Winter etwas Schöneres als einen mit frisch gefallenem Schnee bedeckten Gottesacker?

Die Verbindung von Madonna und Mondsichel, die irgendwann gar nichts Apokalyptisches mehr hatte, geht zurück auf eine Stelle in der Offenbarung des Johannes (Offenbarung 12, 1-5):

„Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der über alle Völker mit eisernem Zepter herrschen wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt.“

„In der Gotik wandeln sich die Züge der apokalyptischen Frau zunehmend ins Madonnenhafte“, heißt es bei Wikipedia. Und weil man Frauen auf schaukel- oder tablettförmigen Sicheln offenbar attraktiv fand, schreckte man nicht davor zurück, sichellosen Madonnen sogar nachträglich noch Halbmonde unterzuschieben. (Siehe dazu auch diesen späteren Beitrag.)

Gewiss von Anfang an sichelständig war diese wundervolle Madonna in einem Seitenaltar des Überlinger Münsters, die ich einen Tag vor der Begegnung mit ihrer Schwester im (ikonologischen) Geiste fotografiert hatte:

Mondsichel-Madonna im Überlinger Münster,
Gregor Erhart zugeschrieben (um 1500).

Und endlich noch diese Skizze aus meinem kleinen roten Skizzen-und-Notizen-Büchlein, eine Ab-Zeichnung aus einem Bändchen über Sakrale Schnitzplastik, entstanden im Sommer 2018 in der Provence. Auch auf der fotografischen Vorlage ist die Mondsichel nicht im Bild erfasst:

Lothar Rumold: Madonna auf der Mondsichel, Heberndorf 1514, 2018, Tintenstift-Skizze

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