Freitag, 25. Januar 2019

Endlich ein expliziter physiognomischer Vergleich!

In Helmut Rickes Buch über den ab 1578 vier Jahrzehnte lang in Konstanz tätigen Hans Morinck finden sich zwei Abbildungen, die nach Ricke Morinck nicht zuzuschreiben sind. Beide Arbeiten entstanden vermutlich im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts. Das Buchsbaum-Relief misst nur 25,5 x 16 cm, bei der Engelspietà (auch das gibt es) werden keine Maßangaben gemacht.

Neben dem indisch anmutenden ästhetischen Charakter des Kleinreliefs, das eine Szene aus der Apokalypse darstellt, fand ich Rickes Berücksichtigung der Gesichtstypen bei seinem Vergleich der beiden Arbeiten interessant - für mich sind physiognomische Vergleiche bei der Zuschreibung von Werken das Naheliegende schlechthin. Um so mehr wundert es mich, dass ich bisher kaum auf solche gestoßen bin. In Ricke 1973 (S. 164) wird Helmut Ricke explizit physiognomisch, wenn er schreibt:
"Nicht nur die ungewöhnlich detailfreudige Belebung der Bodenzone mit Pflanzen und Kleingetier, sondern auch die Übereinstimmung der Gesichtstypen, der Haar- und Gewandbehandlung stützen die Zuschreibung beider Werke an den gleichen Meister. Vgl. insbesondere den Kopf Christi mit dem des Erzengels, den des Engels der Pietà mit dem des Apokalyptischen Weibes (Mundpartie) [Vorbild der Madonnen auf der Mondsichel, siehe hier, L. R.] und den des Putto zu seiten Christi mit dem geflügelten Kopf rechts von Gottvater."

Buchsbaumrelief, 1968 als angebliches Werk Morincks im Kunsthandel erworben.
The J. B. Speed Art Museum, Louisville, Kentucky, 25,5 x 16 cm
Engelspietà der Staatlichen Museen Berlin

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