Montag, 1. Juni 2020

Daphne


Dass Apollon hinter Daphne her war, daran lässt der Mythos keinen Zweifel. Bei Ovid (in der Übersetztung von Johann Heinrich Voß) heißt es: „schon nahe dem Rücken / Hängt er, und atmet den Hauch in die fliegenden Haare des Nackens“. Wonach dem Leuchtenden (Phoibos oder Phöbus) dabei der Sinn und anderes stand, kann man sich denken: „Phöbus liebt, und begehrt der gesehenen Daphne Vereinung“. Aber hat die Vereinung auch tatsächlich stattgefunden? Dann wäre Daphnes Verwandlung in einen Lorbeerstrauch, auf ihr Flehen hin umgehend in die Wege geleitet durch Papa Peneios oder Peneos, eigentlich nicht mehr nötig gewesen. Jedenfalls nicht, wenn die Verholzung der Verhinderung einer Vergewaltigung und dem Erhalt von Daphnes Jungfräulichkeit nach dem Vorbild Dianens dienen sollte: „Gib mir, sprach sie, beständig, Geliebtester unter den Vätern, / Mädchen zu sein! Dies gab ihr Vater vordem der Diana!“

Ich halte die These von der vollzogenen Notzucht auch nach einem noch so close reading des Ovid-Textes für nicht besonders plausibel. Ein psychologischer Psychotherapeut, auf dessen Seiten ich beim Blättern im Netz gestoßen bin, behauptet dagegen kurz und apodiktisch, Daphnes Verwandlung in einen Baum beschreibe die Leidensgeschichte vergewaltigter Frauen. Jeder missversteht so gut er kann, wenn sein geschäftliches Interesse ihm eine bestimmte Fehlinterpretation nahelegt. Die hermeneutisch folgenreiche Déformation professionnelle verschwand offenbar auch dann nicht, als der Psychotherapeut im Ruhestand seine Selbstmetamorphose zum Holzbildhauer vollzogen hatte.

Das von mir favorisierte Missverständnis des Daphne-Mythos weist gedanklich sozusagen in die entgegengesetzte Richtung. Warum Daphne sich gegen Apollon verhärtet und ihm kein Gehör noch sonst etwas schenkt, wird von Ovid zu Beginn der Geschichte mitgeteilt: Amor hat ihr einen seiner bleiernen Pfeile gesandt und sie damit zu einem nachhaltig verhuschten Wesen gemacht, das, „flüchtig und scheu vor dem Manne“, als Jägerin die Ödnis der Wälder durchstreift. Ob vielleicht auch der „Geliebteste unter den Vätern“ (siehe oben) seinen Teil zu Daphnes Androphobie beigetragen hat, bedürfte der psychotherapeutischen Analyse, die heute sehr wahrscheinlich nicht mehr geleistet werden kann. Apollons Metamorphose-Aufgabe kann andererseits auch ohne genauere Kenntnis seiner seelischen Tiefenstruktur angegeben werden. Wie jeder Mann weiß, auch wenn er sonst nichts weiß, besteht sie in der Wandlung vom sexuell frustrierten Möchtegern-Liebhaber zum lorbeerbekränzt leuchtenden Strahlemann Phöbus.

Es ginge dann im Daphne-Mythos nicht um einen erzwungenen Liebesakt mit nachfolgender Baumwerdung der Entehrten, sondern um die Frage, wie man als Mann mit einer kränkenden Zurückweisung so umgeht, dass der erotische Misserfolg einen nicht ausbremst, sondern beschleunigt und zu Leistungen auf anderen Gebieten anregt und befähigt. Die dazu erforderliche energetische Metamorphose scheint relativ umstandslos möglich und der Unterschied zwischen Gattin und Baum kein wirklich gravierender zu sein. Apollon: „Da du mein als Gattin nicht sein kannst, / Wenigstens sei als Baum du die Meinige! Immer umwind‘ uns / Du das Haar, und die Leier, und du den Köcher, o Lorbeer!“
(Diese Bemerkungen zum Daphne-Mythos anlässlich des von mir im April 2020 angefertigten Eichenholz-Reliefs habe ich zuerst am 3. April 2020 auf meiner Website lotharrumold.de veröffentlicht.)

Lothar Rumold: Daphne, 2020, Eiche (Wachs, Pigment), 56 x 47 x 6 cm


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